- Text: Michael Haacken
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The Knife
Hallo Hochkultur
Nach einigen Jahren in der Gunst der Kritiker ließen sich die schwedischen Dance-Theoretiker von The Knife zu einem Stück Konzeptkunst verführen. ‘Tomorrow, In A Year‘ ist der Soundtrack zu einem Theaterstück über Charles Darwin, das genau dann beeindruckt, wenn es gerade im Fluss ist. Also immer. Aber machen das auch die Hörer mit?
Olof Dreijer ist ein gefragter Mann heutzutage. Schließlich ist er nach wie vor die eine Hälfte von The Knife, dem Elektro-Duo, dessen Flirt mit der Avantgarde gerade in die heiße Phase geht. Vor einem Jahr war es noch seine Schwester und Kollegin Karin Dreijer Andersson, die mit ihrem Nebenprojekt Fever Ray den Fans die Köpfe verdrehte und die Aufmerksamkeit beanspruchte, nun ist der Mann mit der sanften Stimme selbst in Erklärungsnot. “Man ist an uns herangetreten mit dem Auftrag, für ein Theaterstück zu komponieren, das von der Evolution der Arten handelt, ja.” Olof macht den Eindruck, als hätte er erstens schon zuviel gesagt und wäre zweitens jedesmal ein williger Handlanger, sobald jemand mit einer ausreichend verrückten Idee daherkommt. Aber weit gefehlt. “Es war das erste Mal, dass jemand so etwas von uns verlangte, und wir mochten die Herausforderung.”
Olof berichtet davon, wie sich seine Schwester und er mit dem Ehrgeiz beflissener Studenten in die Materie gestürzt haben, um der ambitionierten Aufgabe nur ja gerecht zu werden. Nicht nur EIN Buch über Darwin musste es sein, sondern gleich ein halbes Dutzend, plus das Tagebuch des Meisters. Besonders erstaunlich fand Dreijer bei der Gelegenheit, “dass Darwin so gar nichts von dem hatte, womit man seinen Namen heute oft in Verbindung bringt. Also mit Sozialdarwinismus zum Beispiel. Seine Lehre basierte im Gegenteil auf einer sehr symbiotischen Harmonie, die die Natur als etwas eher Kooperatives darstellt”.
Nicht, dass man das ‘Tomorrow In A Year‘ anhören könnte. Das Album erstreckt sich über zwei CDs und insgesamt 16 Stücke, die die komplette Evolutionsgeschichte akustisch nachzuahmen versuchen und dabei auf besonders entlegene und gewöhnungsbedürftige Klänge setzen. Vom Pantoffeltierchen bis zum aufrechten Gang sind es vielleicht nur 70 Minuten, aber die zurückgelegte Strecke fühlt sich durchaus wie eine halbe Eiszeit an. Dafür sorgen neben den sparsamen Stegreif-Vocals auch die experimentellen Sound-Arrangements, die ziemlich nonchalant mit praktisch herkömmlichen Songstrukturen brechen. Laut Olof volle Absicht. “Wer sagt denn, dass eine Melodie auf traditionelle Art eingängig sein muss, um als schön wahr genommen zu werden? Ich glaube, vieles von dem, was wir als angenehm empfinden, bedient nur eine gewisse Nostalgie in uns, die schon mal Gehörtes in Erinnerung ruft.” Mit der musikalischen Dekonstruktion dieses Befundes haben sich The Knife jedenfalls ein Ziel gesetzt, bei dem Genie und Wahnsinn näher zusammenliegen als jemals zuvor in ihrer Karriere. Aber das hat man über Charles Darwin ja schließlich auch gesagt.
Text: Michael Haacken Heimat: theknife.net
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