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Bild: Shout Out Louds
  • Text: Christine Stiller
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Shout Out Louds
Umgekehrte Psychologie


Stockholm hat sie wieder. Nach sechsmonatiger Pause und Aufnahmen in den USA sind die Shout Out Louds für ihre dritten Platte ’Work’ in ihre Heimat zurückgekehrt. Das Album hat sie gelehrt, dass man seine Arbeit erst dann richtig zu schätzen lernt, wenn man sich zuvor mal Ruhe gönnt. Aus diesem Grund lassen wir heute die Stifte fallen und feiern die Freizeit. Wir haben die Band einen Tag lang an ihre Lieblingsorte in Stockholm begleitet.

An diesem Montagmittag erscheint das schneeüberzogene Stockholm wie die menschenleerste Großstadt der Welt. Die Einzigen, die uns auf dem Fußmarsch Richtung Norrmalm entgegen schlittern, sind Rentner und deutsche Touristen in beigefarbenen Outdoorjacken. Nahe am Hafen, wo im Sommer die Fähren zu den Sehenswürdigkeiten ablegen, biegen wir in eine kleine, dunkle Straße ein. Hier liegt das Hotel, in dessen Keller sich der Proberaum der Kapelle befindet. Langsam aber sicher gilt es für die Band, in Tourform zu kommen, schließlich warten schon bald die obligatorischen Konzertreisen rund um den Globus auf sie. Vor einiger Zeit hätte den völlig tourmüden Freunden allein die Vorstellung von einem Alltag zwischen Bus und Bühne unweigerlich die Schweißperlen auf die Stirn getrieben. Nach einer halbjährigen Verschnaufpause und der Arbeit an ihrem neuen Album haben sie nun aber zu alter mentaler Stärke und ihrem Enthusiasmus für die Band zurückgefunden.

Heute macht das Indie-Quintett allerdings schon früh Feierabend. Wir treffen die Shout Out Louds in einem Restaurant neben ihrem Banddomizil. Alle fünf sitzen in familiärer Vertrautheit beisammen. Keyboarderin Bebban stochert in einem kleinen Aluminiumtopf mit Meeresfrüchten herum. Sänger Adam bestellt eine Portion Pommes. Bassist Ted und Drummer Eric sind in ein Gespräch vertieft und Gitarrist Carl blickt kauend in die Runde. Gemeinsam strahlen die Shout Out Louds eine Harmonie aus, um die sie jeder Yogastammtisch beneiden würde. Sie kennen sich seit Jugendtagen. Vor neun Jahren überredet Bassist Ted Malmros - der Jüngste der Truppe - seinen Freund Adam Olenius, alle theoretischen Überlegungen und Träume endlich in die Tat umzusetzen und eine Band zu gründen. Im Jahre 2003 veröffentlichen sie gemeinsam mit Carl von Arbin, Bebban Stenborg und Eric Edman zunächst in Skandinavien und 2005 auch hierzulande ihr Albumdebüt ’Howl Howl Gaff Gaff’. Dieses avanciert mit seinen charmanten, frischen Pop-Melodien und Hits wie ’The Comeback’ und ’Please, Please, Please’ zum Platte gewordenen Traum eines jeden Indie-Jüngers. Und die Begeisterung hält an. Als 2007 mit ’Our Ill Wills’ der Nachfolger erscheint, hätte man die meisten jungen Clubbesucher schon mit roher Gewalt an ihren Röhrenjeans von der Tanzfläche schleifen müssen, wenn Singles wie ’Tonight I Have To Leave It’ aus den Lautsprechern schallten. Und diejenigen, die zu diesem Zeitpunkt zu alt (und nicht mehr schlank genug) für enge Hosen sind, fühlen sich bei der Kombination aus süßlich-leichten Melodien und herzzerreißend-melancholischen Themen plötzlich mit einem wohligen Kribbeln im Bauch an ihre alten The Cure-Platten oder The Velvet Underground erinnert. Die Shout Out Louds spielen sich mit ihrer Mischung aus Frohsinn und Ernsthaftigkeit gleichermaßen in die Herzen derer, die nur die melodiöse Klangfassade der Hits zu schätzen wussten sowie jener, die durch Sänger Adam einen Phantomschmerz des enttäuschten Liebhabers spüren wollten. Doch plötzlich wurde es still um die Kapelle...



Nach dem Mittagessen begleiten wir Carl und Eric zum Hagapark, einem Erholungsgebiet am Rand der Stadt. Am Wochenende zwängen sich hier unzählige Großstädter in ihre Schlittschuhe und auf die romantische Natureisfläche. Heute sind wir die einzigen Besucher vor der verschneiten Seekulisse. Die Jungs schnallen sich ihre Langlaufkufen unter die Sohlen und hängen sich vorsorglich ein Paar in rote Plastikröhrchen verpackte Eispickel um den Hal, denn „die sollte man immer bei sich haben, um sich aus dem Wasser zu ziehen, falls man mal einbrechen sollte“, erklärt Carl, während er vorfreudig mit den Kufen scharrt. Schlittschuhlanglauf ist neben dem Radfahren sein liebstes sportliches Hobby. Schon zu Schulzeiten haben Eric und er immer „Hockey-Bockey“, eine kindgerechte Abwandlung von Eishockey gespielt. Eine Geschichte, die wir uns in unseren Astrid Lindgren-geprägten Fantasien nicht hübscher hätten ausmalen können. Carl ist einer der zugänglichsten unter den Bandkollegen und hat von Mutter Natur einen guten Sinn für Humor mitbekommen. Sein verschmitztes Lächeln lässt ihn jungenhafter wirken, als er ohnehin schon aussieht. Dabei hat er die 30 bereits geknackt und mittlerweile sein Studium als Grafikdesigner abgeschlossen.
Bevor sich alle Bandmitglieder im letzten März wieder auf ihr musikalisches Weiterkommen konzentrierten, gönnte sich jeder einzelne von ihnen ganz bewusst eine sechsmonatige Auszeit, um am eigenen bürgerlichen Lebenslauf zu feilen. Eric nutzte die Zeit, um endlich sein BWL-Studium zu beenden, während Kollege Ted verstärkt als Regisseur arbeitete. Sein Zweittalent bringt er aber auch weiterhin bei den Shout Out Louds mit ein. So wie sich Carl um das Artwork der Platte kümmert und Eric (eigentlich) bei Business-Fragen helfen soll, zeigt sich Ted für die Videos der Band verantwortlich. Sein jüngster Streich ist der Clip zur zweiten Single ’Fall Hard’. Hier absolviert die Kapelle leicht deplatziert einen Auftritt in einer imaginären belgischen Talkshow. Trotz der pfiffigen Idee und Umsetzung sticht besonders eines im Video hervor: Sänger Adams sorgenvoll suchender Gesichtsausdruck. Ein perfekt trauriger Augenaufschlag, der den fröhlichen Sound des Songs kontrastiert.
Während sich seine Bandkollegen in den freien Monaten eher praktischen Dingen zugewandt haben, hat Adam sechs Monate bei seiner Freundin in Melbourne verbracht und sich dort ausgiebig seinen Gefühlen widmen können. Ein Blick in seine dunklen, melancholischen Augen verrät: Adam Olenius ist ein emotionaler Grubenarbeiter - deshalb schreibt er auch die Texte. Seine Reise scheint ihm gut getan zu haben. Irgendwann machte er erste neue Songentwürfe, mit denen er den stillgelegten Band-Mechanismus wieder in Gang setzen sollte. Kollegin Bebban verbrachte ihre freie Zeit ebenfalls fernab der Heimat, bei ihrem Liebsten in den USA. Dort engagierte sie sich als freiwillige Helferin im Endspurt der Präsidentschaftskampagne von Barack Obama. Im März 2009 hatte sie Stockholm endlich alle wieder. Die Arbeit an ’Work’ konnte beginnen...



Saluhall, Östermalm. Eine recht noble Adresse, um Lebensmittel einzukaufen. Bebban und Ted führen uns durch die Markthalle vorbei an Pâtisserie, frischem Biogemüse, Hummer und Fisch, Gewürzen und was Teds Herz sonst noch so begehrt. Er gilt als exzellenter Koch und betrachtet den Alptraum jeder Hausfrau als netten Freizeitspaß. Kollegin Bebban ist zwar „offiziell“ nur Backgroundstimme der Kapelle, gibt sich in Interviews aber am auskunftsfreudigsten. Entgegen aller möglichen Vorurteile präsentiert sie sich überhaupt nicht als fragile Band-Prinzessin, sondern ist cool, smart und witzig. Zu ihrer Musikkarriere kam sie wie die Jungfrau zum Kind.

Inwieweit hast du deine Träume und Ziele von vor zehn Jahren verwirklichen können?
Bebban:
Ich bin musikalisch nicht so gut sozialisiert wie Adam. Meine Familie ist berüchtigt dafür, keinen Musikgeschmack zu haben. Vor der Band, mit Anfang 20, habe ich mich mit Aushilfsjobs über Wasser gehalten. Ich hatte viele Ideen, aber keinen konkreten Plan. Doch ich wusste immer, dass ich mal bei Letterman auftreten würde.

Auf „Our Ill Wills“ hast du den Song „Blue Headlights“ geschrieben und gesungen. Dieses Mal singst du keinen Song komplett alleine.
Bebban:
An „Blue Headlights“ hatte auch Carl großen Anteil. Bei uns ist das Songschreiben eher eine Gruppenarbeit. Diesmal habe ich kein Stück mit eingebracht, weil ich es GEHASST habe, live damit aufzutreten und kein weiteres Lied mehr singen wollte. Ich bin kein Mittelpunktsmensch. Außerdem kam ich mir immer störend vor. Adams Stimme ist ein elementarer Teil unseres Sounds und dann trete ich plötzlich mitten im Set mit einer Ballade nach vorn. Das war so typisch Mädchen: „Hallo, jetzt komme ich, wo ist mein kleines süßes Liebeslied?“ So bin ich nicht!

Nervt es manchmal, das einzige Mädchen in der Band zu sein?
Bebban:
Ich bin nicht immer glücklich damit, ein Mädchen zu sein. Wenn die Leute eine Rezension über die Platte schreiben, geht es immer irgendwann darum, wie ich aussehe. Oder Konzertkritiker beschweren sich darüber, dass ich bei der Show nicht gelächelt habe. Hallo? Ich stehe nicht zum Grinsen auf der Bühne! Die anderen lachen auch nicht. So war das von Anfang an. Ich schätze, das alles ist nicht böse gemeint, sondern spiegelt einfach nur wider, wie unterschiedlich Männer und Frauen nach wie vor in unserer Gesellschaft behandelt werden.

In welcher Hinsicht seid ihr toleranter geworden?
Bebban:
Früher haben wir uns immer gescheut, Radiosender beispielsweise mit „Hi, wir sind die Shout Out Louds, ihr hört ...“, vorzustellen, weil uns das zu blöd war. Irgendwann haben wir unsere Eitelkeit abgelegt, was im Endeffekt ja bedeuten würde, dass wir weniger oberflächlich geworden sind.

Auf dem neuen Album finden sich nicht mehr so viele Streicher und Percussion-Elemente wie auf „Our Ill Wills“. Hast du dich bei den Aufnahmen nackt gefühlt?
Bebban:
Nein! Niemand hat das. Das Durchfegen war für alle eine Erleichterung!



„Gondolen“, Södermalm, 21.00 Uhr. Wir sammeln Adam in einem großräumigen Restaurant ein, von dem aus man die gesamte Stadt überblicken kann. Das Publikum hier gleicht nicht den Indie-Kids, die er jeden Abend in den ersten Konzertreihen zu sehen bekommt. Eher deren Eltern. Doch neben dem grandiosen Ausblick gibt es süffige Cocktails, um auf das neue Album anzustoßen.

’Work’ ist im Vergleich zu ’Our Ill Wills’ eine ungemein aufgeräumte Rock-Platte geworden. Bewusst haben die Shout Out Louds die Streichinstrumente, Percussion-Exzesse und Glockenspiele ausgespart, die den Vorgänger einst berühmt gemacht haben. Es wurden keine zahllosen Soundschichten mehr übereinander gestapelt. Während auf ’Our Ill Wills’ jede noch so kleine Lücke mit zusätzlichen Klängen abgedichtet und verniedlicht wurde, konzentriert sich das neue Album - ähnlich wie bei einem Live-Auftritt - auf das Wesentliche. Alles in allem wirken die Songs nicht mehr so angestrengt verspielt wie auf ’Our Ill Wills’. Vor einigen Wochen hat das Quintett die neue Platte mit der Single ’Walls’ vorgestellt - dem absoluten Prunkstück des Albums. In Stimmung und Sound schafft sich der Song eine komplexer angelegte Velvet Underground-Referenz und entfernt sich dabei vom lieblichen schwedischen Indie-Pop. Das Stück beginnt sparsam instrumentiert und entwickelt sich zu einem perfekt arrangierten Klanggebilde heran. Eine Bandarbeit, in der jedes Rädchen seinen passenden Platz gefunden hat. Zwar kulminiert die Platte mit diesem Track, doch anders als noch bei ’Our Ill Wills’, das in der zweiten Hälfte deutlich an Fahrt verlor, ist ’Work’ eine homogene Einheit geworden. Ein entscheidender Grund für die klanglichen Veränderungen ist wohl auch der Entstehungsort der Platte. Während sich die Shout Out Louds bei ’Our Ill Wills’ noch zu Hause in Stockholm durch Björn Yttlings (Peter, Bjorn And John) musikalische Spielzeugkiste klimpern durften, haben sie mit ’Work’ erstmals ein Album außerhalb der Heimat aufgenommen. In Seattle mussten sie nicht nur mit einem größeren Zeitdruck, sondern auch dem Perfektionismus ihres Produzenten Phil Ek (The Shins, Fleet Foxes) umgehen lernen. Und so hat sich Adam, wie er sagt, spätestens wenn er eine Passage während der Aufnahmen zum 25. Mal wiederholen musste, dort manches Mal wie ein lausiger Amateur gefühlt.



Nach unserem kurzen Zwischenstopp im „Gondolen“ führt uns Adam weiter durch die mittlerweile wie ausgestorben wirkende nächtliche Stadt in Richtung Skånegatan. Diese Straße im südlichen Södermalm bezeichnet der studierte Grafikdesigner auch als „Pop-Street“. Hier, wo sich Plattenläden und Bars aneinander reihen, trifft er für gewöhnlich alle zehn Meter jemanden, der auch mit dem Musikbusiness verbandelt ist. Wir setzen uns in eine kleine Bar namens Snotty. An den Wänden hängen - natürlich - zahlreiche Fotos aus längst vergangenen Zeiten, etwa als Ian Brown noch gut oder David Bowie wie ein feister Typ aussah, den die Damenwelt chronisch verschmäht haben muss. Adam ist hier wie viele seiner Künstlerfreunde Stammgast. Als Sohn eines Arztes - der dem kleinen Adam einst die Musik von Led Zeppelin, Queen und den Motown-Platten näher brachte - und einer Krankenschwester, hätte er sich angeblich auch vorstellen können, eine medizinische Laufbahn einzuschlagen. Doch wäre das klug gewesen? Ein Krankenhaus ist kein Ort für die überbordende Sensibilität eines Künstlers. Adam scheint einer von diesen Grüblertypen zu sein, die sich permanent emotionalem Druck aussetzen und sich dann heimlich selbst darüber ärgern, dass sie einfach nicht entspannen können. Wenn Adam eine Antwort gibt, kommt diese ruhig und überlegt und in 50% der Fälle so langsam, dass ihm Kollegin Bebban im Affekt dazwischengrätscht. Doch heute Abend hat er ja keine Verbalkonkurrenz, sondern ist ganz für sich alleine...

Wieso ist die Melancholie die stärkste Antriebskraft des Künstlers?
Adam: Melancholie lässt man erst richtig zu, wenn man allein ist. Wenn du dich isolierst, fallen dir leichter Worte ein, um deinen Zustand zu beschreiben, denn du willst ja das traurige Gefühl überwinden. Es ist nicht immer gut, alles mit seinen Freunden zu teilen. Manchmal hilft es, die Energie der Traurigkeit in einem anderen Kontext in etwas Schönes zu verwandeln.

Inwieweit hast du deinen Job erst schätzen lernen müssen?
Adam:
Es hat zwei Alben lang gedauert, um anzukommen. Zunächst war es seltsam, die Band als Beruf zu betrachten. Es erschien uns so, als würden wir unser Geld mit Karaokespaß verdienen. Andere in unserem Alter haben mittlerweile echte Jobs und Kinder. Wir leben immer noch in diesem Paralleluniversum. Doch das gute Gefühl, das ich immer hatte, wurde bestätigt. Klar streiten wir uns auch heute bei den Proben, natürlich sind wir bei den Aufnahmen immer noch nervös. Nur jetzt fühlt es sich endlich so an, als hätten WIR die Kontrolle über das Ganze. Nach unserer Bandpause weiß ich den Job viel mehr zu schätzen und das versuche ich mir auch jeden Tag vorzubeten.

Stößchen darauf. Adam schlürft sein letztes Bier und macht sich wie ein Eskimo verpackt auf den frostigen Heimweg. Er wirkt zufrieden - zumindest so zufrieden, wie ein chronischer Denker eben wirken kann. Stimmlich klingt er auf der neuen Platte jedenfalls weniger leidend als früher. Vermutlich sind er und seine Shout Out Louds tatsächlich endlich angekommen - vorerst zumindest. In dem Moment, in dem sie gemerkt haben, dass es auch ohne geht, wollten sie ihre Arbeit nicht mehr missen. Das ist wohl umgekehrte Psychologie.

Text: Christine Stiller
Bandfoto: Erik Weiss
Heimat: shoutoutlouds.com


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