- Text: Timo Richard
- Fotograf: Jan Umpfenbach
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The Picturebooks
Im Wald und auf der Heide
Die Rettung des deutschen Rock kommt aus Gütersloh. Woher auch sonst?! The Picturebooks biegen mit ‘Artificial Tears‘ in den Augen um die Ecke, sind laut, langhaarig, lederbejackt und – wie das Cover ihres neuen Albums zeigt – dem Lungentorpedo nicht abgeneigt.
Das mit der Kippe wirkt fast schon pathologisch. Auf nahezu jedem habbaren Bild von The Picturebooks fingert gerade mindestens eines der drei Bandmitglieder nach der nächsten Fluppe. Diese Angewohnheit könnte sich für Fynn Grabke (Gesang/Gitarre), Tim Bohlmann (Bass) und Phillip Mirtschink (Schlagzeug) noch als echtes Problem erweisen, wenn die Karrierekurve weiterhin steil nach oben zeigt und sich die Fototermine häufen. Das Tempo legen die drei haarigen Anfangzwanziger freiwillig vor, in ihrem Alter spürt man den fauligen Atem des Sensenmanns noch nicht so stark im Nacken. „Der Plan ist, drei Alben in drei Jahren rauszubringen“, erklärt Fynn die bandeigene Planwirtschaft. „Wir haben direkt nach dem ersten Album weitergeschrieben und sitzen jetzt auch schon wieder am dritten.“ „Wir wüssten sonst auch gar nichts anderes mit unserer Zeit anzufangen“, ergänzt Phillip lachend. „Wenn wir von einer Tour zurückkommen, dauert es in der Regel 24 Stunden, bis wir uns wieder treffen und Musik machen. Aus dem Weg gehen kann man sich in Gütersloh sowieso nicht. Und wir kennen auch gar keine anderen Leute als uns.“
Obwohl sich die zum Interview-Ort auserkorene WG-Küche langsam mit blauem Dunst füllt, wird einiges klarer. The Picturebooks sind eine dieser Bands, in der sich Gegensätze vereinen: Leise und laut, Stadt und Land, alt und neu, Eltern und Kinder – bei dem Trio geht einiges zusammen, was sich sonst primär getrennt bewegt. Wichtig ist eigentlich nur, dass es unter dem Dach der bandeigenen Auslegung der Rock-Ikonographie funktioniert.
Solange die Lederjacke sitzt, muss etwa das Umfeld gar nicht rockig sein. Wie schon für die Arbeit am landauf, landab von der Kritik gefeierten Debüt 'List Of People To Kill', zog man sich erneut ins Naturschutzgebiet nahe Gütersloh zurück, um am Nachfolger zu schrauben. Dort betreibt Fynns Vater – ja, der Claus mit demselben Nachnamen – in friedlicher Koexistenz mit der umliegenden grünen Idylle ein Studio und stellt The Picturebooks die Grundvoraussetzung für ein völlig autonomes Arbeiten zur Verfügung. Ein großer Rock'n'Roll-Abenteuerspielplatz. Fynn findet das natürlich spitze: „Für uns gibt es dort die perfekten Bedingungen. Wir können direkt aufnehmen und mit Sounds herum experimentieren soviel wir wollen. Für 'I Put A Spell On You' haben wir eine drei Meter lange Hallspirale aus dem Sperrmüll bei der Kirche gefischt. Dann haben wir die Chöre im Freien aufgenommen und am Ende alles noch mal durch die Spirale gejagt. So ein Gefrickel wäre in einem Studio, das wir bezahlen müssten, gar nicht möglich.“ Selbst die örtliche Fauna scheint die Klangexperimente des Trios zu schätzen. „Wir haben einen Studio-Fasan namens 'Goebbels'. Der hängt gerne mit uns ab“, berichtet Phillip. In aller Stille, eine Mofa-Fahrt von der angeblichen Zivilisation entfernt, entstehen so brutal übersteuerte Rock-Songs, die sich nur schwer in eine Genre-Schublade stecken lassen.
Über den Standortvorteil Naturschutzgebiet erklärt sich wohl auch der individuelle Sound der Band. Fernab jedes Szene-Hypes greifen The Picturebooks einerseits in den Fundus ihrer musikalischen Sozialisation, andererseits schrauben sie mit modernen Mitteln am Klangbild ihrer Lieder. „Unsere musikalischen Vorlieben haben uns damals zusammengeführt. Im Gegensatz zu vielen unserer Altersgenossen haben wir früher schon David Bowie, The Cure oder Kraftwerk gehört“, erklärt Fynn. „Wir versuchen aber nicht, deren Musik zu kopieren. Gerade in Deutschland gibt es zu viele schlechte Plagiate von amerikanischen oder englischen Bands. Wir fühlen uns eher dem Geist dieser Künstler verpflichtet, etwas Neues entstehen zu lassen.“ Und das von einer Band, deren Mitglieder gemeinsam nicht so alt sind wie Mick Jagger. Unterhält man sich mit Fynn, Tim und Phillip, entsteht trotz all ihrer jugendlichen Energie selten der Eindruck, es mit Anfängern zu tun zu haben. Grün hinter den Ohren ist in dieser Band – nach Touren mit Brody Dalles Spinnerette oder Taking Back Sunday – keiner mehr, eher schon nikotingelb. Nicht von ungefähr können sich die drei Herren über ihren tadellosen Ruf als Live-Band freuen. Die Gesten und die Kutten sitzen, genauso wie der selbstgeschneiderte Sound. „Wir achten sehr penibel darauf, dass uns keiner in das reinquatscht, was wir machen. Wir machen die Musik, wir wissen, wie wir uns nach außen darstellen wollen, wir arbeiten an den Videos und der Homepage. Unsere Plattenfirma lässt uns da auch freie Hand. Wenn wir ‘Artificial Tears’ erst in drei Jahren fertiggestellt hätten, hätte sich da auch keiner beschwert. Ich glaube, man hört unserer Musik auch an, dass wir bestimmen, wie sie sein soll“, fasst Tim die Maxime der Band zusammen. „Aber auch wenn das so klingt, als würden wir einen großen Plan im Kopf haben: Wir verlassen uns bei all diesen Entscheidungen auf unser Gefühl. Wir wissen als Band einfach am besten, was uns gefällt“, ergänzt Fynn und wurstelt sich noch mal die Mähne zurecht. Bloß nicht zu viele Kommentare also, The Picturebooks vertrauen auf ihre eigene Urteilskraft.
Fynn, Tim und Phillip beschwören das Bild der unzertrennlichen Freunde oft, ohne dabei als Schülerband durchzugehen. Stattdessen wirkt es so, als hätte der bisher zurückgelegte gemeinsame Weg die Abstimmung zwischen den drei Bandmitgliedern verfeinert. Phillip bestätigt das: „Wir sind keine Band, die lange diskutiert. Wir sind auch keine Band, die demokratisch entscheidet – entweder alle finden es gut, oder es ist scheiße. Aber wir finden sowieso immer dieselben Dinge gut. Oder schlecht.“
Neben der Musik ist das Bemerkenswerte an den Picturebooks sicher, dass sie ein wildes Rock-Image trotz guter Kinderstube glaubwürdig transportieren können. Rauchen, saufen, Rock’n’Roll – und Papa gibt Feuer.
Der Rock der Picturebooks ist trotz ihrer Wurzeln im ostwestfälischen Bible-Belt keine Rebellion gegen ein verstocktes Bürgertum – auf Widerstand gegen ihre Lebensführung sind weder Fynn noch seine Kollegen jemals gestoßen. Sie werden eher darin bestärkt, keine Lehre als Bankkaufmann aufzunehmen. „Uns wird vielmehr gedroht, wenn wir darüber nachdenken, die Haare abzuschneiden“, grinst Fynn.
Aber auch wenn Rock'n'Roll sein klassisches Jugendkultur-Feindbild verloren hat, geht es den Picturebooks um emotionale Kritik. „Trotz aller verständigen Eltern gibt es doch genug, worüber man sich aufregen kann. Unser Albumtitel geht zwar ganz platt auf den Namen der Augentropfen zurück, die ich meinem Hund jeden Tag geben muss. Aber 'Artificial Tears' spielt natürlich schon auf einen größeren Zusammenhang an. Die meisten Emotionen in den Medien sind doch ein riesiger Fake“, erklärt Fynn die Hintergründe. „Ich glaube wir gehören zu einer Generation, die keine Revolutionen mehr anzettelt. Die großen Helden – also Leute wie Bushido – unterscheiden sich von Künstlern wie Janis Joplin dadurch, dass sie kein soziales Anliegen haben“, glaubt Phillip. Immerhin, ihre Platte haben The Picturebooks nicht ohne Grund mit Ökostrom aufgenommen. Bassist Tim sieht darin eine Politik der kleinen Schritte: „Das soll natürlich ein Denkanstoß sein. Die Firma betreibt ein Freund von uns, der auch das Spritgeld für uns bezahlt. Das ist natürlich für eine Band wie uns ein Segen. Ein gewisser Betrag pro abgefahrenem Kilometer geht an Greenpeace und vielleicht machen wir das Publikum so auf eine unaufdringliche Art mit neuen Ideen vertraut.“ Das mit den Fluppen werden Fynn, Tim und Phillip also tatsächlich erst mal nicht in den Griff bekommen müssen. Ihr Emissionshandel-Konzept geht doch ganz gut auf.
Text: Timo Richard
Fotos: Jan Umpfenbach (Location: Edelweiss, Berlin)
Heimat: myspace.com/picturebooksthe
INFO:Überleben in der Kleinstadt
Als Archetypen des verkrachten Kleinstadtrebellen haben Marlon Brando und James Dean schon in den frühen Fünfzigern die amtlichen Insignien des „Dagegen-Seins“ in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. Seit „The Wild One“ und „Rebel Without A Cause“ sind Lederkutte und Kippe Pflicht im Outlaw-Inventar. Ganz wichtig außerdem: der fahrbare Untersatz. Denn wie soll man sonst dem Kleinstadtmief entfliehen?
Was dem Brando sein Motorrad und dem Dean der Bolide ist dem deutschen Kleinstadtrocker seit jeher das Motorfahrrad. Heerscharen Sechzehnjähriger haben in einer langen Ahnenreihe das Frisieren und Aufbohren ihrer Mofas zum Lebenszweck erhoben. Das Mofa sollte auch aus Hollywood-Perspektive nicht belächelt werden, denn schon geringe Geschwindigkeiten können ungeahnte physikalische Kräfte freisetzen. Auch The Picturebooks haben da so ihre Erfahrungen.
Fynn: „Als ich mal mit 50 km/h im Schlamm stecken geblieben bin, bin ich gut fünf Meter weit geflogen. Aber immerhin bin ich im Stand wieder aufgekommen und Phillip hat mich aufgefangen.“
INFO: Meine liebsten Bilderbücher
Was Literatur angeht, sind Fynn, Tim und Phillip nicht gerade Männer vieler Worte. Macht nichts, es geht ja auch um Bilderbücher.
Passend zur Trio-Besetzung:
Die drei Räuber
(Tomi Ungerer)
Phillip: „Die klassische Stockholm-Syndrom-Geschichte. Ein Mädchen und ihre Entführer machen gemeinsame Sache.“
Obwohl ziemlich moralinsauer
doch irgendwie inspirierend:
Der Struwwelpeter
(Heinrich Hoffmann)
Fynn: „Mit dem Buch haben wir eigentlich gar nichts zu tun. Aber die Haare könnten durchaus als Inspiration herhalten.“
Erfolgshunger auf dem Weg nach oben:
Die kleine Raupe Nimmersatt
(Eric Carle)
Tim: „Klassiker. Kennt jeder.“
Im Dorf ist es manchmal
aufregender als man denkt:
Bei uns im Dorf
(Ali Mitgutsch)
Papa hilft nach. Claus Grabke: „Fynn, das hattest du auch mal. Das ist so ein Riesenformat.“
Fynn: „Ach ja.“
Die Bibel für das Rocker-Kind:
Wo die wilden Kerle wohnen
(Maurice Sendak)
Fynn: „Den Film-Soundtrack von Karen O. finden wir alle ziemlich super.“
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