- Text: Florian Hayler
- Fotograf: Birte Filmer
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Dendemann & Totze & Winson
Freunde unter sich
Neulich in Berlin: Rap-Ikone Dendemann trifft im Dekadenz-Tempel Kempinski seine Kumpels Totze Scholz und Winson, um ein wenig über alte Zeiten, aktuelle Modetrends und den Fluch der dritten Klasse zu plaudern.
Da sitzen sie also und rauchen wie Dampfloks: Der Vokuhila aus Hamburg (Dendemann), das bunt tätowierte HipHop-Gewissen der Beatsteaks (Scholz) und die auch als Musiker bekannte Radio-Rakete Winson. Ein Stammtisch aus drei Freaks, die mehr verbindet als ihr Alter. Trotz ihrer über Ost und West verstreuten Kinderstuben genossen die Mittdreißiger eine musikalisch nahezu identische Sozialisation: Iron Maiden, Run DMC, Black Sabbath oder die Beastie Boys wurden links und rechts vom eisernen Vorhang genauso kollektiv abgefeiert wie Neonstrümpfe, Walkmen oder knöchelhohe Nikes. Da muss man sich nicht wundern, wenn auf das neue Dendemann-Album „Vom Vintage Verweht“ all jene abfahren, die bei einem Megadeth-Sample automatisch auf innere Zeitreise gehen.
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Im Laufe der letzten 20 Jahre hat jeder unserer drei Protagonisten aus der Leidenschaft zur Musik zunächst ein Hobby und schließlich einen Beruf gemacht, der ihre Wege zwangsläufig kreuzen ließ: Scholz und Dendemann arbeiteten gemeinsam am Beatsteaks-Song „Wer A Sagt Muss Auch B Zahlen“, während DJ und Soundtüftler Winson mit seiner kruden Plattensammlung und antrainierten Moderatoren-Skills bereits die eine oder andere After-Show-Party beschallt hat. Angefixt von der ersten Dendemann-Single „Stumpf Ist Trumpf“ und ausgestattet mit einer amtlichen Portion Insiderwissen schickten wir Scholz und Winson in den Ring, um Dendemann sämtliche Details zum neuen Album zu entlocken. Mal sehen.
Winson: Gut siehst du aus, Dendemann. Wie lange hat es eigentlich gedauert, bis diese Matte gewachsen war?
Dendemann: Als langjähriger Glatzenträger kann ich dir sagen: So ein paar Haare sind ganz praktisch. Man denkt zwar immer, man wäre so rasiert sehr hygienisch unterwegs, aber mit Glatze UND Mütze hast du eigentlich immer nur einen fettigen Kopf. Erst mit der Arbeit an der neuen Platte habe ich mich auch wieder für Haare und Mode interessiert, nach 15 Jahren Abstinenz! Ich wollte eben nicht mehr die gleichen Turnschuhe tragen wie in der dritten Klasse, so bildlich gesprochen.
Winson: Verstehe. Neuer Sound = neuer Look.
Dendemann: HipHop-Mode ist doch pure Stagnation, die reine Totalverweigerung gegenüber Trends. Das gleiche Gefühl hatte ich im Übrigen auch in der Musik: Dass alle immer noch die gleichen Sachen machen wie in der dritten Klasse. Und ich brauchte mal ein bisschen frischen Wind im Schrank und bin gleich komplett im kalten Wasser gelandet.
Scholz: Wie bist du denn darauf gekommen, „Vom Vintage Verweht“ mit einer Band einzuspielen?
Winson: Genau: Was glaubst du, werden die Two-Turntable-and-a-microphone-Puristen zur neuen Dendemann-Platte sagen?
Dendemann: Die haben sich doch schon auf meiner letzten Tour verabschiedet. Damals habe ich ja bereits bewiesen, dass ich beides auf meiner Setlist berücksichtigen kann, ohne einen zu großen Bruch zu verursachen: Sowohl die Stücke mit nur mir und einem DJ als auch die, die ich mit meiner Band spiele. Der Nachteil am Live-Konzept mit Band ist, dass man nicht mehr für einen Appel und ein Ei irgendwo hinfahren kann.
Winson: Sprich: Es kostet jetzt auch mehr, den Dendemann mit Band zu buchen?
Dendemann: Das wollte ich damit sagen.
Scholz: War es denn eine bewusste Entscheidung, für diese Platte Moses Schneider anzuheuern; diesen Produzenten, der sich mit der Arbeit für Rock-, Indie- und Metal-Bands einen kleinen Namen gemacht hat? Auch damit „Vom Vintage Verweht“ anders klingt als alles, was es bisher im Deutsch-Rap so gab?
Dendemann: Eines war von Anfang an klar: Ich wollte Krach machen. Und nachdem ich mit euch und Moses an „Wer A Sagt Muss Auch B Zahlen“ gearbeitet habe, wusste ich, dass man schon ein ganz schönes Arschloch sein muss, um sich NICHT mit dem zu verstehen. Außerdem ist mein letztes Produzenten-Kapitel eins, auf das ich nicht so gerne zurückblicke und deshalb brauchte ich einen Rick Rubin; jemand, der mit dieser ganzen Soul-Scheiße nichts zu tun hat. Ich wollte keinen Funk, keinen Groove und nichts Smoothes, sondern nur losholzen. Stumpf nach vorne und dabei in Höchstform sein.
Scholz: Aber die Basis für deine Songs sind immer noch die Beats, die du zu Hause gebaut hast, oder wurde im Studio noch am Arrangement geschraubt?
Dendemann: Jede Note ist so geblieben. Ich habe immer wieder angeregt, meine Sachen zu hinterfragen und vielleicht einen Alternativ-Akkord zu finden, aber am Ende haben wir alles behalten. Außer „Es Geht Bergab“, das hat einen ordentlichen Remix gekriegt.
Winson: Ich habe mir ein Bild überlegt. Dendemann hören ist ein bisschen wie Achterbahn fahren: Am Anfang hat man Schiss, aber wenn man erst mal drin sitzt in der Karre…
Dendemann: …dann geht’s bergab!
Winson: Nein, aber wenn man die Strecke nach zwei, drei Durchläufen kennt, dann wird einem nicht mehr speiübel, sondern man hat richtig Bock auf die nächste Kurve, weil man weiß, wie viel Spaß sie bringt.
Dendemann: Das ist ein wunderschönes Bild, und es passt sehr gut: Ich war mir sicher, dass mein Gegröle bei einigen Leuten bestimmt gar nicht gut ankommt. Also habe ich ein paar Kurven entschärft und radikale Tempowechsel vermieden. So dreckig das Album klingt, so sauber sind die Silben geschrieben – die funktionieren auf 160 BpM genauso wie auf 80.
Scholz: Freut es dich, wenn einer sagt: Dendemann, der rettet gerade den deutschen HipHop?
Dendemann: Das freut mich, weil er anscheinend die Platte gut findet. Es freut mich aber nicht, dass ein weiterer Mensch auf dem Holzweg ist.
Scholz: Ist er das?
Dendmann. Natürlich! Das liegt aber nicht daran, dass es nichts zu retten gibt, sondern dass diese Platte das nicht tun wird. Wie sollte sie? Jeder 14- bis 18-Jährige besitzt heute einen Computer. Es gibt Gratissoftware, die es jedem ermöglicht, ein paar Beats zu machen. Das ist genial, denn Kids in dem Alter haben nun mal keinen Bock auf nichts, außer ständig Dampf abzulassen. Und dank der Technik können die leicht ihren ganzen Frust verarbeiten und sich parallel für wenig Geld kreativ betätigen. Klar ist aber auch, dass dabei unglaublich viel Müll rauskommt, was man allerdings in Kauf nehmen kann: Schließlich ist und bleibt HipHop Sozialpädagoge Nummer Eins, weltweit. Und darauf kommt es an.
Scholz: Trotzdem wäre es doch schön, wenn drei Platten im Jahr rauskämen, die das Genre bereichern. Das gab‘s schließlich schon lange nicht mehr.
Dendemann: Drei? Das wäre ja fast eine pro Quartal! Und die sollen sich auch noch verkaufen? Das wird schwer.
Winson: Gibt es denn etwas, das du vermisst? Vielleicht den Vibe aus den Neunzigerjahren, als alle noch eine große Mongo Clikke waren und – wenn es um deutschen HipHop ging – in einem Atemzug genannt wurden?
Dendemann: Damals haben sich einfach alle füreinander mitgefreut. Egal, ob das die Zugezogenen waren wie ich oder Ferris oder Rabauke – für den Erfolg der Massiven Töne haben wir uns alle mitverantwortlich gefühlt. Das war UNSER Erfolg. Damals sind innerhalb einer Woche drei deutsche HipHop-Alben in die Top Ten gegangen und wir waren alle vor den Kopf gestoßen. Das hat uns ein halbes Jahr später keiner mehr geglaubt, weil es völlig normal war, die Beginner zu hören. Plötzlich war das so unpeinlich - endlich! Es war eine günstige Zeit so zu sein, wie wir waren.
Scholz: Was wünscht du dir denn für die Zukunft?
Dendemann: Dass man irgendwann sagt: Die Schublade für diese Musik heißt Dendemann. Aber um mich zu verstehen, muss man auf meine Referenzen klar kommen, und dafür muss man halt auch so alt sein wie ich. Man möchte doch von Gleichaltrigen gut gefunden werden, das ist doch das am schwersten zu knackende Publikum.
Scholz: Wie alt bist du jetzt?
Dendemann: 35.
Winson: Ich bin 34 und ich mag die Platte.
Dendemann: Dann ist ja gut. Hast du noch eine Zigarette?
Heimat: dendemann.de
Fotos: Birte Filmer
Dank an: Dendemann, Torsten Scholz, Winson
