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Bild: Die Fantastischen Vier
  • Text: Yessica Yeti
  • Fotograf: Alexander Gnädinger
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Die Fantastischen Vier
'Für dich immer noch Fanta Vier!'


Wer als Musiker auf eine lange Karriere zurückblickt, fristet nicht immer ein hübsches Dasein. Doof von Drogen, abgekaut vom Zahn der Zeit, spielt man wieder und wieder die alten Hits. Bäh!

Nur wer mit Glück oder Klugheit gesegnet war, hat es vielleicht geschafft, den Kokswagen früh genug abzubestellen und ist zeitig auf Erd- und Menschenwärme umgestiegen. Dann sind Bank- und Würdekonto eventuell noch im Plus und man muss sich nicht im Privatfernsehen erniedrigen, um den Kühlschrank voll zu kriegen und einigermaßen berühmt zu bleiben. Aber Geld allein macht es bekanntlich ja auch nicht. Als Künstler ist man in erster Linie schließlich kreativ und möchte etwas Neues schaffen. Und da haben wir das Problem!

Berühmte Bands werden immer an den Großtaten ihrer Vergangenheit gemessen. Das Publikum altert, wird langweilig, fängt an, Jazz zu hören und das Interieur des eigenen Wohlstandes nach Feng-Shui auszurichten. Und geht es dann mal tanzen, dann zu den Hits von damals! Alle wollen die geschminkten KISS sehen, ’Wonderwall’ grölen, ‘All The Small Things‘ und ihre ’Hells Bells’ schaukeln. Sie wollen sich in den Erinnerungen ihrer “wilden Zeit“ suhlen und bitte - bloß kein Lied vom neuen Album hören. BITTE DAS NICHT! Und so grüßt den Held der Vergangenheit täglich das Murmeltier, mit der Aufforderung, noch mal und noch mal und noch mal zu wiederholen, was ihm dann routiniert wie trockene Kotze aus dem Mund fällt. Plop! Und wenn man Glück hat, schreibt wenigstens der Rolling Stone darüber. Oder wir.

Und was hat das jetzt mit den Fantas zu tun? Nichts, meine Damen und Herren. Absolut nichts! Im 21. Rundlauf ihrer Existenz ist der größte Hit der Fantastischen Vier immer noch der letzte. Niemand steht sich beim Konzert die Beine in den Hals und wartet auf ’Die Da’ und ’Saft’. Dann schon eher auf ’Ernten Was Wir Säen’, ’Einfach Sein’ oder ’Troy’ – allesamt Songs aus DIESEM Jahrtausend. ’Für Dich Immer Noch Fanta Sie’ heißt der frisch gepresste Fanta-Rundling, und was die Herren Vier da auf die Welt zurollen lassen, ist so lecker, klug und freigeistig wie man sich so manches Debütalbum eigentlich wünschen würde. Und wie machen die das? Ganz entspannt machen die das!

And.Ypsilon: Wie es zu dem neuen Album kam? Ganz einfach: Unser Manager Bär rief an und sagte: „Ihr müsst eine neue Platte machen.“
Thomas D: Bock hatten wir zwar keinen, aber getroffen haben wir uns trotzdem. (lacht) Und dann faltet Bär ihn aus: Den großen Masterplan! Die Fanta-Agenda! Und am Ende dieser steht ein Abgabetermin. Nach diesem Treffen folgt ein halbes Jahr nichts. Gar nichts. Irgendwann verabreden wir uns zum Ideenaustausch, schreiben Songs, nehmen sie auf und am Schluss wird’s immer wahnsinnig eng. Dann arbeitet man Tag und Nacht und versucht, das Ding nur noch zu nageln. Deshalb ist so ein Abgabetag auch wichtig, weil du sonst nie fertig wirst. Oder du endest wie Axl Rose.

Die vier Pinguine

In den letzten Jahren hat die Familie Vier ordentlich Zuwachs bekommen: Andy zweimal, Thomas zweimal, Smudo zweimal und Michi Beck einmal. Aus Jungs wurden Väter. Und während die unterwegs sind, gucken die Kleinen zu Hause ‘Madacascar‘ auf DVD. Die vier Pinguine sind auch Papa. Sind sie wirklich! Und trotz ihres Status’ als treu sorgende Familienoberhäupter haben die alten Männer ihren jugendlichen Habitus nicht abgelegt. Geht auch nicht. Berufskrankheit! Den nehmen alle Musiker mit ins Grab. Trotzdem werden die Bandmitglieder natürlich öfter auch gesiezt - und das nicht nur in der Sparkasse.
And.Ypsilon: Das war ein echter Schockmoment, als Fans anfingen, uns zu siezen. Vor zehn Jahren war das ungefähr. Da fand eine unschöne Trennung statt, die wir nicht haben wollten.
Thomas D: Wenn so was im Club passiert, ist das anfangs schon seltsam. Aber spätestens beim Rauskommen sind alle so wasted, dass sich sowieso jeder duzt. Das passiert aber nicht mehr so oft.

Apropos: Heute sind die Vier ohnehin MEHR. Mehr zu Hause, mehr in Verantwortung, mehr Vorbild. Und sie sind auch weniger. Weniger Musiker, weniger Partysan und weniger mediengeil. Jetzt gibt Smudo auch mal Telefoninterviews mit Spielplatzgeräuschen im Hintergrund, legt zwischendurch auf und ruft erst dann zurück, wenn er „das Geheule hier wegen der Schippen unter Kontrolle“ hat. Kinder haben die Sicht auf die Dinge verändert, aber auch die gemeinsame Arbeit.

Smudo: Wir haben beim Entwickeln der Songs viel weniger Zeit miteinander verbringen können als sonst, aber diese Zeit war intensiver als je zuvor. Sie war kürzer und zielgerichteter, und so wurde aus weniger mehr.
Thomas D: Früher haben wir nachmittags abgehangen und gekifft. Dafür mussten wir uns nicht groß verabreden. Jetzt machen wir Arbeitstreffen. Müssen wir. Wir haben nur eine begrenzte Zeit gemeinsam und wollen dabei möglichst viel schaffen. Da ist natürlich auch ein gehöriger Spaßfaktor mit dabei und wir freuen uns immer, die alten Gesichter wieder zu sehen. Wir haben gemeinsame Erinnerungen und teilen eine gemeinsame Geschichte. Uns verbindet viel mehr als nur die Arbeit.
Also trifft sich die Firma Vier zum Kreativ-Urlaubing mit den Familien auf Mallorca. Irgendwo muss die Platte ja herkommen. Der Plan: Tagsüber werden Songs geschrieben, abends wird mit den Familien abgehangen. Rumkommen tut dabei nix. Null! Dann müssen die Musiker ran.

Thomas D: Wir wollten unsere Live-Band mehr einbeziehen, aber das hat auch nicht funktioniert. Die sind keine Texter und auch keine Songschreiber.
And.Ypsilon: Also sind wir umgeschwenkt. Wir hatten einen Berg von Song-Vorschlägen unserer Produzenten. Um eine Zahl zu nennen: Es waren rund 300 Layouts von zwölf Leuten. Früher waren es Beats und Samples, heute sind es eben so genannte Layouts, aus denen Songs werden. Das, was inspiriert, wird benutzt und weiter bearbeitet.
Smudo: Musik machen ist hauptsächlich wegschmeißen.
And.Ypsilon: Am Ende lief es dann also anders als ursprünglich geplant. Wir hielten uns an die Layouts der Produzenten und texteten dazu. Anschließend haben wir die Band alles nachspielen lassen.

"Und ob die Welt wie sie ist, wirklich so ´ne gute Idee ist"

Erfolg kann lässig machen. Nicht jeder muss zum Arschloch werden. Nicht jeder endet als Diva. Wenn es nichts mehr zu gewinnen gibt, was man nicht schon hat, und nur zu verlieren, was man am Ende sowieso nicht braucht, dann folgt die totale Entspannung. Und so machen die Fantas im Wellness-Bereich ihrer Karriere mit ’Für Dich Immer Noch Fanta Sie’ das vielleicht das kompromissloseste Album ihrer Rapografie. Böse Texte, brutale Beats, kluge Gesellschaftskritik und weniger musikalische Grenzen als jemals zuvor.

gekonnt schlendern die Vier durch die Abgründe unser aller Existenz und machen sich dabei ordentlich schmutzig. Lebensnahe Philosophie entsteht eben nicht an der Probiertheke im Weinladen und erstzunehmende Systemkritik steht nicht NEBEN dem Chaos, zeigt mit dem Finger drauf und bläst sich auf. Kluge Systemkritik erkennt sich selbst als Teil des Problems - und die Vier sitzen dick mit in der Scheiße, aus der sie uns rauszuschaufeln versuchen. Damit sind sie kritisch, unterhaltsam und sinnstiftend zugleich, und dem harten Pflaster der Straße schließlich näher als jeder Arschfick-Lieder dudelnde Pseudo-G. So degradiert die alte Garde solche „Acts“ wie Buschi & Co. zu schlecht gespieltem Schülertheater. Natürlich, ohne dass diese jemals Erwähnung finden.

Thomas D: Die Grundstruktur und die Herangehensweise an die Songs war relativ hart und krass. Keine Halbheiten! In unserem persönlichen Leben sind wir natürlich nicht die Typen, die jeden Morgen zur Arbeit gehen und abends nach Hause kommen. Unser Leben läuft anders ab. Trotzdem sind wir bei den Leuten geblieben. Wir fühlen mit und beobachten. Verlustängste zu haben heißt nicht, dass ich um meinen Porsche bange, den ich nicht besitze. Aber ich habe Angst, enttäuscht zu werden, nicht geliebt oder verlassen zu werden. Oder ich habe etwas satt und will mich von etwas trennen. Das sind die Sachen, die uns und die Fans menschlich miteinander verbinden.
And.Ypsilon: Die Außenwelten sind vielleicht beliebig und austauschbar, aber im Grunde beschäftigt sich die Menschheit überall mit den gleichen Wünschen, Zielen und Träumen.

Die Gedanken werden Gassi geführt

Der schönste Satz aus dem neuen Album stammt aus dem Song ’Kaputt’, einem elektronisch/kranken Psycho-Hass-Gewitter, in dem sich ein hysterischer Smudo in der ersten Strophe wortgewandt erleichtert: „Wenn du mich hasst, dann fick dich. Und wenn du mich liebst, dann fick mich!“ Worum es in dem Song geht? Schwer zu sagen. Irgendwie musste da was raus und jeder durfte mal ran. Und das zieht sich wie ein roter Faden durchs ganze Album. „Wir haben einen eigenen Humor und einen eigenen Kosmos, aus dem wir schöpfen und unsere kryptischen Texte ziehen“, erklärt Thomas D.
And.Ypsilon: „Man muss ja nicht immer verstanden werden. Nichtverstehen passiert automatisch!“

Wer will Rettungsschwimmer beim Deutschen HipHop werden?

Der Ernsthaftigkeit vom letzten Album ’Fornika’ sollte etwas “Komisches“ folgen. Im Studio hatten sich die Fantastischen Vier mit Edding gegenseitig dick ENTERTAINMENT auf die Stirn geschrieben. Das Ergebnis unterhält erstklassig und ist „komisch“ in jedem Sinne. Aber der Spaß bleibt einem immer wieder quer hängen, obwohl die Band laut Smudo doch „lustige Musik zu traurigen Themen“ liefert. Dabei machen sich die Mitglieder Gedanken über das “Draußen“.

HipHop an sich ist öde, weil er immer nur über sich selbst spricht. Der Protagonist hat immer den Dicksten, den Größten und den Längsten. Niemand covert im Rap. Warum? Weil sich niemand irgendwo hinstellen will, um zu rappen, wie dick der von einem anderem ist. Fanta Vier-Songs kann man covern. Zum 20. Geburtstag schenkten Bär und die deutsche Entertainment-Szene den ehemaligen Stuttgartern gleich ein Doppelalbum voll mit bemühten Coverversionen ihres Schaffens. Es geht also. Auch wenn man in den meisten Fällen gerne bei den Originalen bleibt.

’Für Dich Immer Noch Fanta Sie’ führt die geistreiche Wertekritik der Mediengruppe Telekommander, den elektronischen Wahnsinn von Deichkind, den entspannten Umgang mit Pop von Fettes Brot und den Wortwitz von Dendemann zu einem Familienfest zusammen und lässt vergessen, wer die Väter und wer die Söhne sind. Vielleicht muss Dendemann den deutschen HipHop doch nicht im Alleingang retten. Das heißt, wenn da überhaupt noch was zu retten ist.

Thomas D: Also, daran können wir auch nichts drehen. Unsere Platte hat zwar entfernt etwas mit HipHop zu tun, aber HipHop ist ja Underground. Wir sind nicht das erweiterte Sprachrohr der Hartz IV-Generation und der Kids vom Block – diese Sprache haben wir nicht drauf. Wir sprechen die Sprache einer anderen Straße – die der Einkaufsstraße, der Autobahn - nicht die der Seitenstraße. Wir machen Alternative-Rap-Music. Dieses Album ist bestimmt mehr HipHop als die Alben davor, aber das mehr auf Grund der Kunst der Worte, der Reimdichte, der Qualität der Rhymes und des Flows. Aber es ist nicht im klassischen Sinne “street“, “underground“ oder “dirty“.
And.Ypsilon: Wir begreifen uns schon lange nicht mehr als Teil der HipHop-Kultur. Deshalb können wir auch nichts retten.

Science Fiction Double Feature

Im April 2010 wird das Album, dank Abgabetermin, tatsächlich fertig. Was jetzt passiert, kennen Andreas, Thomas, Michael und Michael schon. Manager Bär lässt den Thron-Wagen auf Hochglanz polieren und die Vierzylinder glühen seit Monaten fleißig vor. Jetzt wird bollernd angelassen! Brrrumm! Platte raus, Promo, Interviews, TV, Hotelbars, Fotos, winken, Frühsport, rein in den Bus, raus aus dem Bus, nach Hause telefonieren, Videos drehen, PlayStation, Konzert, Händeschütteln, Tour, Tour, Tour.

Aber all das ist nie wie beim letzten Mal. Größer wird es sein - soviel steht fest - aber WIE groß es wird, weiß niemand. Diese Band hatte schon mal aufgehört zu existieren. MINDESTENS einmal! Aber irgendwie hat sie sich noch mal erfunden. Sich GEfunden. Und jetzt sind die Vier so agil wie Koks auf Koks. Fairtrade-Koks versteht sich! Und was kommt danach?

Thomas D: Danach? Erst mal den Weltuntergang überleben und dann nach einem Jahr Pause wieder an einem neuen Album arbeiten. Das kommt dann 2015. Aber ich habe allen gesagt: Es ist sehr gefährlich, ein Jahr lang die Kinder zu schaukeln und kreative Stille im Kopf zu erzeugen. Ein Jahr geht schnell vorbei. Deshalb ist es wichtig, etwas für sich zu machen. Es sollte eine Weiterentwicklung stattfinden. Daraus kann man dann eine neue Platte machen. Aber vielleicht frusten wir uns auch zu, weil wir zu Hause sitzen und uns niemand anruft und wir uns nutzlos fühlen. Dann machen wir einfach DIREKT wieder eine neue Platte.

Und bis dahin? Exzess auf Tour?
And.Ypsilon: In Maßen. Aber gekonnt!

Text : Yessica Yeti
Fotos: Andreas „Bär“ Lasker
Heimat: diefantastischenvier.de

Und was ging sonst noch...?


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