- Text: Flo Hayler
- Fotograf: Erik Weiss
-
Galerie ansehen
The Gaslight Anthem
True Believers
Mit 'American Slang' treten The Gaslight Anthem aus den übergroßen Schatten ihrer Idole und installieren sich selbst als das von nun an gültige Maß aller Dinge.
Keine halbe Stunde braucht der F-Train, um sich von der 7th Avenue in Park Slope nach Manhattan zu schälen, vorbei an der Brooklyn Bridge, schräg durch den East River bis zum Broadway/Lafayette-Stop an der East Houston Street in Manhattan. Brian Fallon kennt diese Route. Dutzende Mal spuckte ihn die U-Bahn hier hinaus in die kalte New Yorker Winterluft, nur drei Blocks entfernt von den ‘Magic Shop Studios‘ in der Crosby Street - jenem Ort, an dem der Junge aus New Jersey die Geister seiner Vergangenheit zum finalen Duell herausfordert.
Ist es Fluch, Segen oder einfach nur eine spontane Geste väterlichen Respekts, die Bruce Springsteen dazu bewegt, Brian Fallon Sekunden vor dessen Auftritt beim Glastonbury Festival am 2009 auf die Schulter zu tippen und spontan vorzuschlagen, den Gaslight Anthem-Hit ‘The 59 Sound‘ gemeinsam zu schmettern – so unter Kumpels. Der völlig überrumpelte Frontmann stimmt zu, besorgt dem Boss noch die zum Duett nötige Gitarre und signalisiert dem Idol seiner Jugend mit fünf gespreizten Fingern die Nummer des Songs in der heutigen Setlist. Als Fallon unter dem tosenden Applaus von 12.000 TGA-Fans die John Peel-Bühne des Glastonbury betritt, ahnte er nicht, welch weitreichende Folgen Springsteens Geistesblitz für ihn und seine Band haben würde…
Seit jenem schicksalshaften Duett am 27. Juni 2009 haben Fallon und seine Gaslight-Gang die Geschichte vom ersten, flüchtigen Treffen mit Springsteen im Rahmen einer Benefiz-Show in Fallons Heimatstadt Red Bank, New Jersey, bis zu den gemeinsamen Auftritten beim Glastonbury und der anschließenden Springsteen Mega-Show im Londonder Hyde-Park wieder und wieder und wieder erzählt - oft mit rollenden Augen, aber stets mit einer bewundernswerten Gelassenheit. „Natürlich“, so Fallon, gebe es nicht nur geographische Parallelen zwischen seiner Band und dem 60-jährigen König des „Garden State“, sondern auch durchaus spürbare musikalische: Die ungestümen, hemdsärmeligen Hymnen des TGA-Debüts ‘Sink Or Swim‘ versprühen einen rauen New Jersey-Charme wie Springsteens ‘No Surrender‘ auf Speed, während die tränentrunkenen, romantischen Abschiedstales, mit denen Brian Fallon das Hitalbum 'The 59 Sound' flutete, auch jedes noch so gebrochene 'Hungry Heart' erweicht hätten - egal, wie viele Schichten tätowierte Haut darüber gespannt sind: „Für uns waren die Auftritte mit Bruce so etwas wie das Ende unserer Schulzeit“, erklärt Fallon: „Der Direktor gibt uns einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken und schickt uns raus in die Welt, um unser eigenes Ding zu machen.“
Born to Run
Es ist der 1. April 2010, der erste frühsommerliche und sonnengesegnete Tag in New York, als Jesse Malin die Tür zu seiner ‘Niagara‘-Bar aufschließt. Der 42-jährige Ex-Frontmann von D-Generation ist einer der Motoren im Nightlife der Stadt und so etwas wie die gute Seele des bis zur Unkenntlichkeit gentrifizierten East Village, das bis in die Neunzigerjahre fast ausschließlich von Punks, Künstlern und anderen Außenseitern bevölkert wurde. Malin und Fallon sind gute Freunde. Die beiden teilen eine gemeinsame Vorliebe für Ikonen wie Bob Dylan, Joe Strummer – dessen Konterfei die Mauer an Malins Bar ziert – oder Tom Waits, und sind musikalisch somit voll auf einer Wellenlänge. Nachdem Fallon auf Malins Album 'Love It To Life‘ mitwirken durfte, revanchierte sich der TGA-Frontmann und lud Malin ein, ihn beim Song ‘We Did It When We Were Young‘ gesanglich zu unterstützen. Lediglich in Sachen Mode bevorzugen beide einen anderen Stil: Während Malins Haupt von einem schicken Ballonhut geziert wird, hat Fallon seine legendäre Patchwork-Schiebermütze heute im Schrank gelassen - „und dort wird sie auch bleiben“. Fallon betritt das ‘Niagara‘ im landestypischen Handwerker-Dresscode: Pomade im Haar, graue Dickie's, schwarze Doc Martens, weißes T-Shirt - so, wie er morgens auch in seinen früheren Jobs als Tischler oder Automechaniker antrat und so, wie einst sein Stiefvater von der Arbeit in der Nestlé-Fabrik in Freehold, New Jersey, nach Hause kam. Fallon hat seinen leiblichen Vater nie kennen gelernt, weiß aber, „dass er irgendwo da draußen sein muss. Er und meine Geschwister, die ich nicht kenne“. Den Großteil von Brians musikalischer Früherziehung übernahm also seine Folk liebende Mutter, die während des Frühstücks Joan Baez-Lieder sang und deren ganzer Schatz aus 30 Musikkassetten bestand, die der Sohnemann so lange durch den Rekorder spulte, bis das helle Xyllophon von 'Born To Run' so zäh und dumpf aus den Boxen dröhnte wie die Glocken von 'Hell's Bells'.
„Meine Mutter sang früher in einer Folk-Revival-Band namens The Group Folk Singers“, erinnert sich Brian. „Ich wuchs also mit ihrer klassischen amerikanischen Roots-Musik auf. Ich habe mich kürzlich aber revanchieren können: Sie gab mir damals Judy Collins, und ich gab ihr das neue Album von American Steel. Ein okayer Tausch, wie ich finde.“ Noch bis zum vergangenen Herbst lebte Fallon mit seiner Ehefrau Holly zwischen den Konzerten mit der Band im Haus seiner Eltern, stellte aber nach seiner Rückkehr von der '59 Sound'-Tour fest, dass die Zeiten nicht mehr die alten waren: „Ich war so lange weg, dass ich überhaupt nicht mitbekam, wie sich mein Umfeld verändert hatte“, sagt Fallon: „Alte Freunde hatten geheiratet, waren weggezogen oder wussten nicht, wie sie mit mir und dem Erfolg meiner Band umgehen sollten. Ich konnte mich zu Hause nicht mehr frei bewegen, fühlte mich eingeengt und beobachtet - als hätte mir jemand die Luft abgeschnürt. Als ich irgendwann neue Songs schreiben wollte, ging zunächst gar nichts. Null. Ich spürte nur totale Leere, Unsicherheit, Ziellosigkeit. Da wurde mir klar: Ich musste New Jersey hinter mir lassen, um neu anfangen zu können, um meine eigene Geschichte schreiben zu können.“
You can take the boy out of Jersey, but you can't take Jersey out of the boy.
Brian, du lebst heute in der schönsten Gegend von Brooklyn, im gut bürgerlichen Park Slope. Glaubst du, dass einer deiner Nachbarn schon einmal von deiner Band gehört hat?
Fallon: Ich hoffe nicht! Meine Frau stammt aus der Bronx, und sie schlug vor, dass wir es mal mit Brooklyn versuchen sollten. Ich dachte zuerst: „Bloß nicht! In Brooklyn wohnen all die hippen Indie-Kids, die das Geld ihrer Eltern verprassen. Aber mittlerweile gefällt es mir hier. Ich finde es toll, dass mich niemand kennt.
Sicher zahlst du einen amtlichen Preis für deinen sozialen Frieden.
Fallon: Wir wohnen zur Miete, eine Wohnung zu kaufen könnte ich mir gar nicht leisten. Ich verdiene mit der Band so viel wie ein Vollzeit beschäftigter, ausgelernter Dachdecker. Und das Beste daran: Ich liefere genauso ehrliche Arbeit ab.
Deine Zeiten als Handwerker sind bis auf weiteres vorbei. Inwieweit ist auch „American Slang“ dein persönlicher Abschied von deinem bisherigen Leben?
Fallon: Ich glaube, das Album hat mir geholfen, die Dinge in ein richtiges Licht zu rücken. Ich verarbeite meine Vergangenheit nicht mehr in fiktiven Charakteren, sondern nehme eine autobiographische Perspektive ein. Das fiel mir anfangs schwer, ich hatte eine regelrechte Schreibblockade. Erst mit „Bring It On“, einem Song über meinen Vater, brachen die Dämme. Das Album ist eine Aufarbeitung dessen, was mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin. „Look what you started/I seem to be coming out of my skin“ - in dieser Zeile steckt jede Erfahrung und jede Person, die mich geprägt hat.
Welchen musikalischen Ansprüchen sollte das Album stand halten? Es scheint, ihr habt das Tempo leicht gedrosselt, um das Augenmerk noch mehr auf die Inhalte zu lenken.
Fallon: Ich wusste anfangs nicht, ich welche Richtung das Album gehen sollte. Erst als ich meine Songskizzen genauer betrachtete, fiel mir die Parallele zu The Clash auf: Wenn man deren Debüt mit unserem „Sink Or Swim“ und „Give 'Em Enough Rope“ mit „The 59 Sound“ gleichsetzt, dann müsste „American Slang“ so etwas wie unser persönliches „London Calling“ werden. Ich wusste also, dass ich mit den neuen Songs auf dem richtigen Weg bin, denn in ihnen steckt ähnlich viel Selbstvertrauen, Rhythmus und Groove wie in den Stücken von „London Calling“. Und ich wusste: Was damals für vier Kids aus England funktioniert hat, kann auch für uns Typen aus New Jersey nicht falsch sein.
Tatsächlich haben The Gaslight Anthem mit 'American Slang' ein Album aufgenommen, das auf seine ganz eigene Art romantisch nostalgisch und trotzdem progressiv ist. Ein Werk, das ihre sie prägenden Einflüsse umarmt und trotzdem neu, frisch und aufregend klingt. Größtes Pfund im musikalischen Erbe von Gaslight Anthem ist das blinde Verständnis der Bandmitglieder für Herz und Beine in Brand setzende Melodien, identifikationsstiftende Texte und breite Singalons. Alleine der Gedanke an einen aus tausenden Mädchenkehlen bestehenden Chor, der die „My Baby“-Zeile des vermeintlichen Album-Highlights 'Orphans' laut mitsingt, sorgt für ordentlich Gänsehaut-Alarm im Kleinhirn. Vielleicht sind es aber auch die herzzerreißenden Soli von Gitarrist und St. Pauli-Fan Alex Rosamilia, die den Songs von 'American Slang' eine Aura aus Sehnsucht und Fernweh verleihen und die Fallons Gesang tragen wie eine Mutter ihr Baby. Fallon ist überzeugt davon, dass Rosamilias schmerzliche Trennung von seiner Verlobten im vergangenen Winter einiges zu dem Klang seines Instruments beigetragen hat, denn „sowas geht an keinem spurlos vorüber“.
Trauring / State of love & trust
Eine weitere Dame, die im Zusammenhang mit The Gaslight Anthem nicht unerwähnt bleiben sollte, ist Fallons Ehefrau Holly, die 'American Slang' nicht nur ihre Background-Stimme schenkte, sondern auch als Tourmanagerin der Band fungiert. Wer in dieser Konstellation einen waschechten Gewissenskonflikt ausmachen möchte, sollte in Betracht ziehen, dass Brians Angetraute die Schwester seines Bassisten (und somit Schwagers) Alex Levine ist. Ergo sind The Gaslight Anthem also eine große, die Welt betourende Familie, denen Tradition und Werte wie Ehrlichkeit, Treue und Respekt heilig sind wie einem Inder seine Kuh: „Die Welt wäre in besserer Ort, wenn sich alle an die Grundprinzipien menschlichen Miteinanders halten würden“, glaubt Benny Horowitz. „Nicht stehlen, nicht betrügen, nicht töten – so schwer kann das eigentlich nicht sein. Wahrscheinlich ist unsere Ehrlichkeit auch der Grund dafür, dass wir diesem Mülleimer namens Musikindustrie noch immer erhobenen Hauptes gegenüber stehen können.“ Für den reisefreudigen Horowitz ist die Band nicht zuletzt rettender Anker in stürmischer See gewesen, hat er doch „nicht immer“ so smarte Entscheidungen gefällt wie heute...
Benny, ihr habt mit eurem Sound und euren Songs offensichtlich einen Nerv bei den Leuten getroffen. Was glaubst du vereint Punks und Indie-Kids genauso unter der TGA-Flagge wie den radiohörenden Mainstream?
Horowitz:Ich glaube, das richtige Timing hat in unserer Karriere immer eine große Rolle gespielt. Wir kamen mit ehrlicher, bodenständiger Musik zu einer Zeit, als der Mainstream durchtränkt war mit Oberflächlichkeit und falschen, oberflächlichen Kunstprodukten, deren Stimmen unter so vielen Pro-Tools begraben wurden, dass es einfach nur noch lächerlich war. Wir schreiben unsere Musik und unsere Texte selbst, wir spielen unsere Alben selbst ein und gehen anschließend in Straßenklamotten auf die Bühne. So haben wir es von unseren Lieblingsbands übernommen und so geben wir es auch weiter. Wir haben es schließlich nicht anders gelernt...
Es gibt keine Band, die diesen Job besser machen könnte als The Gaslight Anthem – aus New Jersey.
Text: Flo Hayler
Fotos: Erik Weiss
Heimat: gaslightanthem.com
ANZEIGE
Die Hit-Factory
In der „Hit-Factory“ an der 54. Straße in Manhattan wurden so legendäre Alben wie „Emotional Rescue“ von den Rolling Stones, „Graceland“ von Paul Simon oder „Born In The USA“ von Bruce Springsteen aufgenommen. Nach dem Umzug des Studios nach Miami wurden die brach liegenden Räume in Luxusapartments verwandelt und verkauft. Lediglich im Erdgeschoss wurde das musikalische Erbe der Hit Factory beibehalten und mehrere Proberäume installiert. Auch The Gaslight Anthem sind hier heimisch geworden.
