- Text: Thomas Müller
- Fotograf: Ali Ghandtschi
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Interpol
Langeweile 0 Interpol 4
Es sieht so aus, als hätten so einige Interpol-Fans ein Problem damit, die Weiterentwicklung der einstigen Post-Punk-Revival-Pioniere so richtig nachvollziehen zu können. Nach den begeisterten Reaktionen auf die ersten beiden Alben erntete ihr letztes Werk ‘Our Love To Admire‘, auch dank mangelnder Indie-Disco-Tauglichkeit, eher zwiegespaltene Reaktionen.
Mit ihrem neuen Album führen die New Yorker den damals eingeschlagenen Weg nun konsequent fort und bleiben genau deswegen relevant. „Ich mag The XX sehr“, sagt Interpol-Schlagzeuger Sam Fogarino, dessen freundliche Mitteilsamkeit der Rolle des dandyhaften Elder Statesman entgegenkommt, die ihm so perfekt auf den Leib geschneidert scheint. „Aber wir versuchen, während des Songwritings, keine Musik zu hören. Das würde nur ablenken.“ Wie um zu verhindern, dass noch jemand auf die Idee kommt, falsche Parallelen zum neuen, überraschend reduzierten Sound seiner Band zu ziehen.
Natürlich ist diese Angst unbegründet, denn auch wenn man gewisse Analogien nicht bestreiten kann, so ist Sam einerseits doch alt genug, um die bandeigene Blaupause namens Young Marble Giants schon gekannt und gemocht zu haben, und andererseits haben Interpol auch bei ihrer aktuellen Metamorphose nicht vergessen, sich im Kern selbst treu zu bleiben.
Man hat sich ja schließlich auch genug Zeit genommen, um nichts dem Zufall zu überlassen: „Eigentlich hatten wir nur ein, zwei Monate Pause von der Band“, versucht Sam die vermeintlich lange Periode zwischen dem Erscheinen von ‘Our Love To Admire‘ und dem neuen, unbetitelten Album der New Yorker zu relativieren - während er sich im unterirdisch kühlen Hotelzimmer lässig auf der lachsfarbenen Kunstledercouch fläzt und sich sein Nikotinkonsum bedrohlich Richtung Helmut Schmidt bewegt. „Wir haben sofort nach der letzten Tour damit begonnen, neue Musik zu schreiben, sei es jetzt für Interpol oder unsere Nebenprojekte Magnetic Morning und Julian Plenti.“ Die Gründe für die lange Spotlight-Abstinenz seien vielmehr im Perfektionismus seiner Bandkollegen zu suchen. „Wir brauchen immer unglaublich lange, bis wir zufrieden sind mit neuen Songs. Diesmal waren es ungefähr acht Monate bis wir genug Material beisammen hatten. Bei den vorigen Alben dauerte es sogar noch länger.“ Dem Ergebnis hat’s nicht geschadet, schließlich kann das vierte Album der Band mit einigen Überraschungen aufwarten.
Anstatt auf der Suche nach Veränderung den momentan angesagten Weg zu wählen und mangelnde Songwriter-Qualität mit Synthie-Flächen zu überkleistern, haben sich Interpol auf die Essenz ihrer Songs konzentriert und ihre Erlösung im Minimalismus gefunden. Als bewusste Abgrenzung von Trends und Genres möchte man die neue Platte aber nicht gewertet wissen. „Wenn man mit dieser Vorgabe ins Studio geht, ist man im Grunde schon gefickt.“
Für Sam ist der fast gespenstische Shoegaze-Dream-Pop vielmehr eine natürliche Ausformulierung der cineastischen Ebene des Interpol-Sounds, die sich bereits in den heimlichen Highlights des Vorgängeralbums, wie ‘Wrecking Ball‘ oder ‘The Lighthouse‘ andeutete.
Einen weitere Zäsur bedeutete für die Band der Ausstieg von Bassist Carlos Dengler nach den Aufnahmen, schließlich hatte dieser dank seiner exzentrischen Optik und seiner prägnanten Bassläufen den vielleicht öffentlichkeitswirksamsten Job in der Band. „Er ist der Band einfach müde geworden. Jede neue Platte kostet dich nicht zuletzt schließlich zwei Jahre deines Lebens. Er suchte andere Formen, um sich auszudrücken - außerhalb des Rock-Musik-Paradigmas. Es war gut, dass er vor der Tour ausgestiegen ist. Er hätte sicher alles hingeschmissen und dann wäre es für uns um einiges schwerer gewesen.“
Umso besser, dass die verbliebenen drei mit Indie-Ikone David Pajo und Secret Machines-Kopf Brandon Curtis gleich zwei hochkarätige Neuzugänge präsentieren können, die Carlos‘ Parts mit viel Respekt neu interpretieren. „Uns war klar, dass wir Carlos nicht ersetzten wollten“, sagt Fogarino. „Es musste eine Neuausrichtung geben. Es geht nicht mehr um ein bestimmtes Image oder Äußerlichkeiten. Es geht ab jetzt nur noch um die Musik, mehr als jemals zuvor!“
Text: Thomas Müller
Foto: Ali Ghandtschi
Heimat: interpol.int
DAVID PAJO
Als Ersatz für ihren abtrünnigen Bassisten haben sich Interpol nicht weniger als eine veritable Independent-Legende geangelt! Eine auch nur halbwegs vollständige Liste mit Bands und Künstlern, mit denen Multiinstrumentalist David Pajo (Jahrgang 1968) gearbeitet hat, würde hier wohl jeglichen Rahmen sprengen. Bekannt ist David Pajo vor allem für sein Mitwirken bei den Post-Rock-Pionieren Slint und Tortoise, sowie Singer/Songwriter-Halbgott Will Oldham a.k.a. Bonnie ‘Prince‘ Billy. Außerdem unbedingt erwähnenswert sind seine Solo-Projekte Papa M/Aerial M, seine temporäre Mitgliedschaft bei Billy Corgans Zwan und nicht zuletzt bei den Yeah Yeah Yeahs. Über Letztere kam übrigens auch der Kontakt zu Interpol zustande. Der gemeinsame Ton-Techniker beider Bands hatte vermittelt.
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