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Bild: Volbeat

Volbeat
Dänisches Dynamit


Nach vergleichsweise wenigen Jahren des intensiven Tourens und mit inzwischen vier Alben im Gepäck haben sich die Kopenhagener Volbeat zur ganz großen Nummer und jedermanns Liebling gemausert. Ihre explosive Mischung aus Rock’n’Roll und Metal, von manchen auch Elvis-Metal’ tituliert, überzeugt Hörer jenseits aller Genregrenzen. Wir haben mit der Band über ihre musikalische Entwicklung und ihre neue Scheibe ’Beyond Heaven/Above Hell’ gesprochen.

Trotz aller Erfolge sind die sympathischen Dänen angenehm bodenständig und unprätentiös geblieben. Der Kopf von Volbeat ist der höflich-zurückhaltende, volltätowierte Frontmann Michael Schøn Poulsen, der mit seiner Schmalztolle auch auf jedem Rockabilly Rumble eine gute Figur machen würde. Der inzwischen 36-jährige Poulsen (Schøn ist der Name seiner frisch angetrauten Frau) stand während der Neunziger der dänischen Death-Metal-Formation Dominus vor, mit der er immerhin vier Langspielplatten aufnahm. Im Jahre 2001 hatte er aber genug vom Todesmetall und besann sich auf die Klänge seiner Kindheit. „Als ich klein war, hörten meine Eltern immerzu Rock’n’Roll“, erzählt Poulsen. „Ich wuchs auf mit den Melodien von Jerry Lee Lewis, Fats Domino, Little Richard, Chuck Berry, Elvis Presley. Als Jugendlicher stand ich vor allem auf Metal, aber eigentlich war ich offen für jede gute Musik. Als ich dann keine Lust mehr auf die Art von Musik hatte, die ich mit Dominus gemacht hatte, habe ich mich an all die tollen Sachen aus den Fünfzigern erinnert. Ich hatte so viele andere Ideen, die ich mit Dominus nicht machen konnte; ich hatte all diese Melodien im Kopf rumschwirren, die einfach nicht zu Death-Metal passten. Trotzdem war ich immer noch von der Heavy-Metal-Szene inspiriert. Also dachte ich mir, behalte den schweren, durchschlagenden Klang von verzerrten Gitarren, kombiniert mit den Melodien der Fünfziger und einfach allem anderen, was mir so in den Sinn kommt. Auf dem Papier mag das unpassend und verrückt klingen, aber es scheint für viele Leute ziemlich gut zu funktionieren.“

Die konkrete Bandgründung ging dann auch ziemlich schnell, erzählt Poulsen: „Ich rief meinen alten Kumpel Jon (Larsen, Schlagzeug) an, ich hatte damals etwa fünf erste Lieder, und wir haben sie ausprobiert und sofort gemerkt, dass das funktionieren könnte. Wir haben ziemlich schnell zehn Stücke geschrieben.“ Der Variationsreichtum der Band war damals schon absehbar, wie sich Jon Larsen erinnert: „Das Erste, was ich von Michaels neuem Material hörte, klang für mich wie ganz alte Black Sabbath-Sachen. Das nächste Lied war sehr im Punkrock verankert. So ging es weiter, jedes Stück war völlig anders. Und plötzlich hatten wir zehn Lieder ohne Scheuklappen.“ Das neue Projekt wurde dann nach dem dritten Album von Dominus, das ’Vol.Beat’ betitelt war, Volbeat getauft, wobei ’Vol’ für Volume, also Lautstärke, und ’Beat’ für den Rhythmus steht.

Poulsen und seine Freunde (neben Larsen sind inzwischen der Gitarrist Thomas Bredahl und der Bassist Anders Kjølholm dabei) hatten ganz nebenbei einen neuen Stil kreiert, der sich allen gängigen Einordnungen entzieht. Was Volbeat dann in den folgenden neun Jahren austüftelten, ist nämlich weit mehr als nur eine Mischung aus zwei Musikstilen. Ein Volbeat-Lied kann verschiedenste Genres beinhalten: Rock’n’Roll, Metal, Rockabilly, Punk, Country, am liebsten aber alles durcheinander. Da gibt es Stücke, die wie ein Rockabilly-Stück anfangen um dann plötzlich in ein Gitarrensolo in feinster Iron Maiden-Manier umzuschlagen. Da stehen Country-Klänge neben Metal-Riffs. Poulsen selbst kann croonen wie der King höchstpersönlich, aber meistens klingt er am Mikro wie der kleine Bruder von Metallica-Röhre James Hetfield.
Im Volbeat-Sound lässt sich ohne weiteres die gesamte musikalische Sozialisation von Poulsen mitverfolgen: King Diamond, Elvis Presley, Misfits, Social Distortion, Black Sabbath, Johnny Cash, Stray Cats, und immer wieder Metallica sind ganz offensichtliche Inspirationen. „Meine größten Einflüsse sind sicher Elvis Presley und James Hetfield. Metallica haben mich schon inspiriert, bevor ich meine erste Gitarre hatte. Ich bin auch ein großer Fan von Social Distortion. Mike Ness ist großartig. Seine Lieder sind einfach stark. Und dann Ronnie James Dio, während seiner Zeit bei Black Sabbath. Tony Iommi, mit seiner einzigartigen Gitarrenarbeit. Ritchie Blackmore von Deep Purple. Hauptsächlich altmodische Rock-Musik, im Großen und Ganzen. Ich höre aber auch Rhythm’n’Blues und Gospel, sogar Muse oder die Manic Street Preachers. Nur mit Techno kann ich definitiv nichts anfangen.“

Die Mischung stimmt also, und das Publikum nimmt die neuartigen Klänge dankbar entgegen. Dabei ist es eigentlich überraschend, dass niemand anders vorher auf die Idee kam, Metal und Rock’n’Roll zu verbinden - entspricht dies doch nur der umgekehrten Entwicklung, die der Rock zum Metal historisch durchmachte. „Es ist tatsächlich ziemlich komisch, dass vor uns niemand darauf gekommen ist“, meint Poulsen. „Man muss aber auch die richtige Art von Liebe zur Musik haben, um es zu mischen. Man muss in beiden Genres wirklich zu Hause sein. Es darf nicht gezwungen klingen, man darf nicht zu viel darüber nachdenken, was man macht. Wir hatten auch einfach Glück, waren zur rechten Zeit am rechten Ort. In den Achtzigern hätte so eine Musik sicher niemanden interessiert. Generell ist es heutzutage schwierig, wirklich originell zu sein. Und wenn du mich fragst, wurde die beste Musik ohnehin in den Fünfzigern geschrieben. Alles, was danach kam, ist nur Kopie oder Weiterentwicklung in Details. Ich sehe auch uns nicht als originell an. Man kann all unsere Inspirationen sofort heraushören. Das einzige wirklich neue ist die spezifische Kombination verschiedener Stile. Wir haben darüber anfangs nicht nachgedacht, aber jetzt sind wir schon der Meinung, dass wir etwas Einzigartiges geschaffen haben.“

Und die Entwicklung geht auch immer noch weiter. Das kann man nicht nur an den bisherigen Veröffentlichungen ablesen. Poulsen selbst ist der Meinung, dass da noch einiges zu machen ist. „Wir haben immer noch nicht den einen festen, unveränderlichen Volbeat-Klang. Wir entwickeln uns ständig weiter. Ich bin immer noch am experimentieren, es gibt noch eine Menge Sachen, die wir machen können. Das hört man auch auf ’Beyond Heaven/Above Hell’. Die Platte enthält eine fast willkürliche Mischung aus Stilen und Sounds.“

Tatsächlich könnten die 13 Stücke auf dem neuen Langspieler ’Beyond Heaven/Above Hell’ unterschiedlicher kaum sein. Das hurtige ’The Mirror And The Ripper’ mit seinem rockigen Grundriff und stampfenden Rhythmuswechseln leitet den Reigen ein. Das folgende, eher gemächliche ’Heaven Nor Hell’ wird durch Mundharmonika-Einsprengsel dominiert. Das Grundgerüst von ’Who They Are’ könnte eigentlich unverändert auch von einer Metallica-Scheibe der Achtziger stammen, mit kräftigen Riffs und großartigen Gitarrenbrücken - bis dann plötzlich der hochmelodische Rock-Refrain kommt. Vielleicht das beste Stück der Scheibe ist das hochemotionale ’Fallen’, das Poulsen seinem verstorbenen Vater gewidmet hat. Es kommt ohne jeden Schickschnack aus, hat einfach nur eine mitreißende Melodie, einen ehrlichen Text und ein feines Solo. ’A Better Believer’ ist ein fixer Rocker, der stark an Social Distortion erinnert. ’7 Shots’ geht mit Banjo und Hawaii-Gitarre los, schlägt plötzlich in klassischen Iron Maiden-Metal um, und hat einen großartigen Refrain, bei dem Gaststar ’Barney’ Greenway von Napalm Death bellt und knurrt, dass es eine Freude ist. ’Sixteen Dollars’ ist ein astreiner Rockabilly-Song mit Standbass (bedient von Jakob Øelund von den Taggy Tones). Wohl das schwächste Lied auf ’Beyond Heaven/Above Hell’ ist das hüpfende ’A Warrior’s Call’, das auch bereits im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. Poulsen, ein großer Faustkampf-Fan, hatte das Lied für den dänischen Profiboxer Mikkel Kessler geschrieben. Dieser verwendet es als Einmarschhymne bei seinen Boxkämpfen. ’Being 1’ hat die Geschwindigkeit und den fett verzerrten Sound der neueren Misfits-Scheiben, die Poulsen so liebt.

Das große Thema aller Volbeat-Alben ist die Liebe. Das ist nicht sonderlich überraschend, wenn man bedenkt, dass es auch bei Poulsens großen Vorbildern aus den Fünfzigern fast immer nur um Beziehungen geht. „Bei Volbeat geht es immer um das Traurig- oder Glücklichsein. Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Du kannst nicht traurig sein, wenn du noch nie glücklich warst. Meine Lieblingssongs aus den Fünfzigern sind ausschließlich Liebeslieder. Jeder Mensch hat einen Bezug zur Liebe."“

Aber auch dabei geben Volbeat dem Ganzen natürlich ihre eigene Note, da wird nicht einfach ein Mädchen besungen, sondern es geht um tragische Bonnie-&-Clyde-Konstellationen, bei denen am Schluss alle tot in ihrem Blut liegen. Poulsen greift auch immer wieder dieselben Figuren auf, erzählt über mehrere Lieder hinweg eine zusammenhängende Geschichte, fast wie bei einem Konzeptalbum.

„King Diamond ist ein großes Vorbild für mich. Die Texte in dieser Form miteinander zu verbinden, ist eine gute Herausforderung. Wir sind keine politische oder religiöse Band und behalten unsere Ansichten für uns selbst. Da macht es Sinn, den Texten einen anderen Zusammenhalt zu geben. Viele der Volbeat-Songs sind Liebeslieder. Damit kann sich jeder identifizieren. Aber ich schreibe auch viele Stücke mit kleinen Geschichten und Figuren, die mir einfallen, mal durch einen Film inspiriert, den ich gesehen habe, mal einfach so. Wenn ich eine neue Melodie spiele, fallen mir oft Wörter und Bilder ein, die ich dann für den Text verwende. So greifen dann auch die neuen Lieder ’The Mirror And The Ripper’ und ’7 Shots’ die Geschichte auf, die ich schon auf dem Vorgängeralbum ’Guitar Gangsters & Cadillac Blood’ mit einigen Liedern erzählt habe.“
Inzwischen haben Volbeat die meisten ihrer Vorbilder getroffen oder waren mit ihnen auf Tour, einschließlich einer ausgedehnten US-Tournee mit Metallica. Poulsen hat sogar mit einigen von Elvis Presleys alten Bandmitgliedern gespielt, als diese zu Gast in Kopenhagen waren. In diesem Sommer standen Volbeat vor allem mit den großen Rock- und Metal-Bands auf der Bühne, eröffneten etwa für AC/DC oder spielten auf der ’Big Four’-Tournee mit den vier erfolgreichsten Thrash-Metal-Bands. Für Volbeat sind diese Auftritte eine zwiespältige Sache, wie Larsen einräumt. „Man muss das ganz nüchtern sehen. Wenn du vor AC/DC spielst, dann wollen 99% des Publikums eigentlich nichts von dir wissen.“ Als Promotion taugt es aber allemal, und bei dem einen oder anderen bleibt sicher was hängen. Außerdem sind die Jungs trotz des eigenen Erfolgs auch immer noch selbst Fans. „Bei den ’Big Four’-Konzerten waren wir wie Kinder in einem Süßwarenladen“, begeistert sich Poulsen. „Hinter der Bühne waren alle Bands direkt nebeneinander untergebracht, Metallica und Anthrax und Megadeth und Motörhead und Slayer. Das war einfach super, mit diesen Leuten abzuhängen, deren Musik uns seit unserer Jugend begleitet. Mit ihnen die selbe Liebe zur Musik zu teilen.“

Ähnlich ist Poulsens Verhältnis zu seinen eigenen Fans. „Ich liebe es, wenn die Leute tanzen. Wenn du tanzt, bist du glücklich und es geht dir gut. Und wenn die Leute gut drauf sind wegen meiner Musik oder weil ich da auf der Bühne stehe, dann ist das ein großes Kompliment. Wir haben auch immer ein total gemischtes Publikum, sowohl was das Alter der Leute als auch was ihre Szenezugehörigkeit angeht. Zu uns kommen Metal-Heads, Rockabillys und Rock’n’Roller genauso wie ganz normale Leute.“

So wie die Dinge stehen, werden die Fans noch viel Freude mit Volbeat haben. Poulsen und seine Mannen haben mit Sicherheit noch nicht den Zenit ihrer Karriere erreicht. Im Herbst wird jetzt erst einmal die neue Platte live vorgestellt.

Text: Hans Vortisch
Fotos: Erik Weiss
Heimat: volbeat.dk

Info:

„Volbeat-Sänger bricht auf Bühne zusammen!“

Das war die Schlagzeile zu einer unangenehmen Geschichte, die sich Ende vergangenes Jahr bei einem Volbeat-Konzert in Tilburg, Holland, zutrug. Poulsen war auf der Bühne kollabiert und ins Krankenhaus gebracht worden. Rasch schossen die wildesten Gerüchte ins Kraut, die er noch mal ausdrücklich entkräften will:
„Das Konzert war schon lange ausverkauft und ich fühlte mich einfach verantwortlich, meinen Job zu machen. Ich ging also auf die Bühne, obwohl ich mich sehr schlecht fühlte. Ich hatte Fieber und Grippesymptome, und sagte dem Publikum, dass es mir nicht so gut ginge. Nach fünf Liedern fühlten sich meine Beine bleischwer an und ich sah Sterne. Und dann war plötzlich der Boden weg. Im Krankenhaus haben sie mich durchgecheckt und festgestellt, dass ich schon die Konzerte an den vorangegangenen Tagen überhaupt nicht hätte spielen sollen, ich hatte keinerlei Reserven im Körper, war völlig dehydriert. Die Leute waren sehr verängstigt, ein Video, das zeigt, wie ich umfalle, war schon Stunden später auf YouTube, und Freunde und Familie waren natürlich sehr besorgt. Es gab sogar Gerüchte, dass ich im Krankenhaus gestorben sei. Es hieß auch, ich sei auf Drogen gewesen. Ich nehme keine Drogen, ich trinke ein bisschen Whiskey dann und wann, aber davon wird man nicht ohnmächtig. Das Ganze zeigt, dass man auf sich aufpassen muss. Wenn dir dein Körper sagt, dich hinzulegen, dann solltest du das besser machen.“


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