- Text: Timo Richard
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Jimmy Eat World
...machen Musik
American Idyll: Im Hintergrund rappelt die Sesamstraße durchs Wohnzimmer, ein zweijähriges Kind knallt wiederholt den Pianodeckel auf die Klaviatur während Daddy am Küchentisch Interviews über das neue Album seiner Band gibt. Mal wieder voll Rock’n’Roll-Hölle bei Jimmy Eat Worlds.
Sie sind der Alptraum der internationalen Rock-Journaille: Jimmy Eat World treiben mit freundlicher Rationalität und Biedermann-Auftreten seit Jahren Schreiberlinge von nah und fern in den Wahnsinn. Wes’ Professur es ist, Kunst-schaffenden Pipi-Saufgeschichten und Tier-Sex-Anekdoten aus den benebelten Hirnen zu pressen, beißt sich an Jim Adkins, Zach Lind, Rick Bruch und Tom Linton die vom Paparazzi-Stress erodierten Zähne aus. Mit ‘Invented‘ veröffentlichen Jimmy Eat World, die beliebte Narkoleptiker-Band aus Mesa, Arizona, ihr siebtes, allen internationalen Qualitäts-Standards entsprechendes Album – und auch nach der diesjährigen Tour werden die vier Herren ihren Kindern wieder nicht erklären können, wie das noch mal geht mit dem Rockstar-Sein.
Das muss man sich mal vorstellen: Paps spielt in einer Band, die es mittlerweile seit 17 Jahren gibt, deren Alben platinveredelt im Hobbykeller einlagern, die jede Mehrzweck-Halle des Planeten ausverkauft hat, deren kultisch verehrte Emo-Bibel ’Clarity’ im letzten Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum gefeiert hat und trotzdem geistert so viel Rock-Spirit durch deine Bude wie durch die Eingangshalle des Einwohnermeldeamts. Auch wenn Jim Adkins’ Nachwuchs von diesem Alter noch weit entfernt ist – die große Pubertätskrise ist da doch vorbestimmt. „Aber wahrscheinlich ist das der Grund, warum es uns schon so lange gibt. Wir setzen uns kleine, realistische Ziele und verfallen weder in Größenwahn noch in totalen Selbsthass. Am Anfang war es für uns eine völlig abgehobene Idee, einen Song auf 7’’ zu veröffentlichen. Das haben wir dann aber irgendwann geschafft. Die Ziele sind heute natürlich anders, aber wir beherrschen immer noch die Politik der kleinen Schritte“, sinniert Adkins. Alles schön und gut, aber Papa, wie macht man eigentlich einen Heroin-Entzug?
Eine Prise Exzentrik oder ein Kasten Bier mehr hätte Jimmy Eat World möglicherweise nicht geschadet, um mit ‘Invented‘ nicht nur das nächste grundsolide Album zu veröffentlichen, sondern an Meilensteine des emotionalen Rock wie das bereits erwähnte ’Clarity’ oder dessen Nachfolger, das mittlerweile in ’Jimmy Eat World’ umbenannte ’Bleed American’ anzuknüpfen. Immerhin führt ’Invented’ die Talente der Band und ihres Über-Produzenten Mark Trombino nach langer Zeit wieder zusammen. Doch der Atkins’sche Stoizismus siegt selbst über hochgeschraubte Erwartungshaltungen: „Wir sind eine Band, die sich eher subtil verändert. Wenn wir eine Dance-Platte veröffentlichen würden, nur um mal etwas anderes zu machen, wäre das ziemlich albern.“ Hm ja, wäre es bestimmt.
„Für uns stehen die Songs im Mittelpunkt, nicht wir als Person. Das mag dich jetzt überraschen, aber wir sind - wenn es um unsere Musik geht - sehr experimentierfreudig. Wenn es das Lied besser macht, kloppe ich auch mal wie bescheuert mit einem großen Stock auf dem Studioboden rum.“ Jimmy Eat World sind ein Alptraum für jeden, der sich weniger für die Musik, als für die dazugehörigen Künstler interessiert. Aber wer Musik mag, sollte diese Band lieben.
Text: Timo Richard
Heimat: jimmyeatworld.com
Zehn Jahre „Clarity“
Jimmy Eat World unterbrachen die Arbeit an „Invented“, um das Jubiläum ihres Opus Magnum gebührend zu feiern. Auf der „Clarityx10“-Tour spielten Jim Adkins und seine Kollegen bei zehn ausverkauften Shows in zehn verschiedenen Staaten ausschließlich das Überalbum des Neunziger-Emo. Bei einer dieser Shows traf man auch Drive Like Jehu-Drummer Mark Trombino wieder, der in den kommerziellen Erfolgszeiten des Emo-Rock Bands wie Midtown, Finch oder eben Jimmy Eat World sein genreprägendes Audiobranding verpasste. Auch wenn „Clarity“ kein Instant-Chart-Hit war, wird das Album mittlerweile als Meilenstein in der Entwicklung emotionaler Rock-Musik angesehen.
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