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Bild: Good Charlotte

Good Charlotte
Der heilige Gral


Einst ins Rennen gestartet als MTV-gepimpte Sound-Blaupause von Blink 182, hatten sich Good Charlotte mit ihrem 2007er Album ’Good Morning Revival’ endgültig vom Punk gelöst und waren in den Achtzigern versunken: Beats, HipHop, R’n’B und Pop – die einstigen Rancid-Ziehsöhne machten es sich in der Disco bequem. Nun heißt es für die Madden-Zwillinge aber runter vom Trendtrittbrett und ab in die Innere. Für die beiden ist ihr fünftes Album ’Cardiology’ nämlich in jeder Hinsicht eine reine Herzensangelegenheit.

Für eine Band, die einst mit flockigen Fun-Punk-Hymnen primäre Fixsterne für ein pubertierendes Publikum bildete, haben Good Charlotte auf ihrem Entwicklungsweg ins musikalische Erwachsenwerden schon einige Federn lassen müssen. Nicht jedem früheren Fan sagte das Madden-Makeover zu noch tanzflächentauglicherer Pop-Prominenz mit Indie-Insignien der Killers oder Panic! At The Disco-Chic zu – auch wenn der Verkaufserfolg von ’Good Morning Revival’ natürlich eine ganz andere Zahlenargumentation dagegen halten konnte. Doch Charterfolge alleine scheinen für Sänger Joel Madden nicht zu zählen. „Einen Song wie unsere neue Single ’Like It’s Her Birthday’ haben wir in fünf Minuten geschrieben. Das ist nicht der Song, der mir auf der Platte wichtig ist. Klar, er geht ins Ohr, die Leute mögen ihn, er läuft im Radio - alles schön und gut. Aber mir sind nicht die Singles wichtig, sondern das ganze Album. Ich glaube, unseren Fans geht es genauso. Sie wollen auch die ganze Platte hören, die Texte lesen und sich mit dem Ganzen auseinandersetzen.“ Womit wir auch schon beim zweiten Neuanfang im Rahmen von ’Cardiology’ wären. Denn die erste, fast fertige Arbeitsversion des Albums hat die Band komplett in die Tonne getreten.

„Als wir die ersten Vorab-Mixe gehört haben, waren wir damit echt nicht zufrieden. Wir haben Monate an dem Material gearbeitet und es ging überhaupt nicht in die Richtung, die uns vorschwebte. Also haben wir uns entschieden, dass wir ganz von vorne anfangen“, erklärt Joel die Kündigung der kreativen Zusammenarbeit mit Erfolgsproduzent Howard Benson. Dessen Markt-orientierter Ansatz war dann selbst den Madden-Zwillingen zuviel, die ja nicht unbedingt als die sperrigsten Songschreiber bekannt sind. „Der Song ‘1979’ ist uns sehr wichtig. Es ist ein Lied für uns und für die Fans, die unsere ganze Biografie kennen. Ihnen wollten wir einfach mal den Anfang unserer Geschichte erzählen“, so Joel über den Song, der in eine frühe Zeit der Familien-Chronik zurückblickt, in der die Eltern des Brüderpaars noch glücklich vereint waren und ihr Vater die Famile noch nicht verlassen hatte. „Uns war wichtig, diese Geschichte zu erzählen, aber Benson hatte die Hälfte der Strophen raus geschnitten, nur um den Song und seinen eingängigen Chorus auf Single-Linie zu trimmen. Das war für uns der Punkt, an dem wir realisierten, dass wir komplett unterschiedliche Vorstellungen von dem Album haben. Deshalb haben wir ihn vor die Tür gesetzt.“

Kardiologische Konsequenz

Also zurück an die Arbeit mit Don Gilmore, der sowohl das Debütalbum, als auch schon die letzte Scheibe klangtechnisch betreut hat. Eine Herzensentscheidung, die sich rentieren sollte. Haben Good Charlotte in letzter Zeit auch zunehmend mit anderen Stilen geflirtet, so klang das Ergebnis bislang nie so rund und gut durchblutet wie auf der final vorliegenden Version von ’Cardiology’. Zwar gibt es auch hier noch den einen oder anderen Synthie-Seitenblick, doch das Gesamtbild zeigt die Madden-Mannschaft zehn Jahre nach ihrem Debüt als eine Band, die ihre Wurzeln nicht vergessen, sich aber kreativ auch nicht einengen will - und somit gleichsam zu neuen stilistischen Ufern aufgebrochen ist. Einen Song wie ’Standing Ovation’ etwa, der aus seinen Oasis-Inspirations-Quellen keinen Hehl macht, hätte man vor acht Jahren indes nicht von Good Charlotte erwartet. „Das stimmt, aber wir haben uns mit jeder Platte entwickelt und uns mit jedem neuen Album auch neue künstlerische Freiheiten heraus genommen“, bestätigt Joel. „Bei dieser Platte ist es tatsächlich so, dass wir alle älter geworden sind und nun auch das Selbstvertrauen haben, andere musikalische Seiten von uns zu präsentieren. Wir sind alle schon immer riesige Oasis-Fans gewesen, und bei dem Song hört man das wohl jetzt auch raus“, erklärt Joel grinsend. Aber auch ihren einstigen Pakt mit dem Pop-Punk haben Good Charlotte nicht völlig aufgekündigt, was bei einem Song wie ’Counting The Days’ wohl am deutlichsten durchscheint. „Es gibt ja ein paar dieser typischen Pop-Punk-Momente auf dem Album, und es war uns wichtig, unseren Fans der ersten Stunde diese Songs zu geben. Aber es sollten die richtigen, passenden Titel sein und nicht ein lauer Aufguss von vergangenen Good Charlotte-Momenten“, erörtert der jüngere der beiden Madden-Zwillinge, um im gleichen Atemzug zu erklären, dass Nostalgie-Brückenschläge auf Biegen und Brechen nicht in seinem und im Sinne der Band gewesen wären. „Ich denke, dass auch die punkigeren Nummern unseren Reifegrad widerspiegeln. Wir haben viele solcher Abgehnummern geschrieben, aber auch viele wieder verworfen. Natürlich mögen wir diese Art Musik immer noch und wollen uns von dieser Szene auch nicht komplett verabschieden. Es ist Teil von uns, Teil unserer Wurzeln, aber auch diese Songs im alten Stil sollten eben ins Konzept und zur Stimmung der Platte passen.“

Während sich die Jungs auf musikalischer Ebene gereifter und experimentierfreudiger geben, ist das innere Wertesystem durchaus gesetzter und eingleisiger. Denn seit geraumer Zeit stehen zumindest bei Joel alle Weichen auf Familie. „Wenn man Vater wird, verändert sich einiges, die Prioritäten wandeln sich. Auch wenn für mich die Musik immer noch das Wichtigste im Leben ist, ist sie nicht wichtiger als meine Familie.“ Schon ein paar Jahre ein Paar, sind Joel und Nicole Richie mittlerweile verlobt und haben zwei gemeinsame Kinder, die auf die schönen Namen Harlow Winter Kate und Sparrow James Midnight hören. Erstgeborenem Töchterchen Harlow hat Joel dann auch gleich den Song ’Harlow's Song (Can't Dream Without You)’ gewidmet. Wenn das mal nicht Sprengstoff für geschwisterlichen Eifersuchtszwist spendet. „Sparrow James ist der Junge, er muss ja härter im Nehmen sein und es aushalten können, erst später seinen eigenen Song zu kriegen“, lacht Joel und verspricht damit ausgleichende Gerechtigkeit zu einem anderen Zeitpunkt. Wir behalten das im Auge, Joel.

Das einfache Leben

Dass Joel und Bruder Benji, der seines Zeichens mal kurzzeitig mit Paris Hilton liiert war, nunmehr das Prominenz-Leben führen, was Good Charlotte in ihrem 2002er Durchbruch-Hit ’Lifestyles Of The Rich & Famous’ noch mit kritischer Distanz beäugten, kann man durchaus als Ironie des Schicksals betrachten. „Es ist schon witzig, aber es hat sich für mich nicht wirklich etwas verändert. Ich habe meine Wurzeln nie vergessen und ich kann mich noch daran erinnern, wie ich - lange vor unserem Plattenvertrag - noch Lastwagen beladen und meinen Job gehasst habe. Es kommt mir immer noch vor, als wäre es erst gestern gewesen“, gibt sich der Sänger bodenständig, „Da, wo ich herkomme, muss man knochenhart für sein Geld arbeiten und ich bin dankbar für all das, was ich erreicht habe und nehme es absolut nicht als selbstverständlich hin. Ich weiß, dass ich Schwein gehabt habe und weiß auch, wie es ist, tagtäglich zu schuften und einen Boss zu haben, den man hasst. Deshalb tue ich auch alles dafür, um mich nie wieder in diese Situation zu bringen.“

Mit den Schattenseiten des Erfolges, den Paparazzo-Problemen und der Omnipräsenz in den Klatschkolumnen dieser Welt, geht Joel allen Richie Rich-Rampenlicht-Radarfallen zum Trotz recht gelassen und fürsorglich um. „Unser Job als Eltern ist es natürlich, in erster Linie unsere Kinder vor der medialen Ausschlachtung zu beschützen und ihnen ein ausgewogenes, normales Leben zu ermöglichen. Natürlich kann man nicht so tun, als ob dieser ganze Rummel um unsere Familie nicht existieren würde, aber ich denke, dass wir unseren elterlichen Verpflichtungen gut nachkommen. Sechs von sieben Tagen in der Woche ist unser Alltag ganz normal und ruhig. Es gibt eben gewisse Orte, von denen man weiß, dass man dort mit den Kindern nicht hin kann und sollte, also meidet man die“, bekundet Joel gesunden Beschützerinstinkt.

Selbst für die andere Seite der Medaille zeigt Madden Verständnis. „Ich habe auch nichts gegen dieses ganze Medieninteresse. Es gehört nun mal für viele Leute zum Unterhaltungsprogramm, sich mit dem Leben von Prominenten zu beschäftigen. Aber das beeinflusst sicherlich nicht, wie ich mein Leben lebe. Die ganzen Klatschblätter liegen auch nicht bei uns zu Hause rum, wir beschäftigen uns damit nicht täglich. Ich akzeptiere, dass es so etwas gibt und dass es Teil des Lebens ist, das man in Los Angeles eben führt“, so Joel abgeklärt. „Wenn wir komplette Privatsphäre haben wollten, würden wir auf eine Farm nach Texas ziehen. Wir haben schon oft darüber gesprochen, vielleicht werden wir das eines Tages sogar auch tun. Aber momentan ist das unser Leben, hier lebt unsere Familie und man kann sich mit allem arrangieren.“

Den echten Kontakt zum Leben an der Basis hat sich Joel für sich und seine junge Familie indes in seiner einstigen Ostküsten-Heimat Maryland bewahrt, die Zufluchtsort und Erdungspunkt in seinem Leben bleibt. „Ich habe ein Haus dort gekauft und wir fahren mehrmals im Jahr mit der Familie dort hin. Das ist schon Tradition. Es ist da sehr ruhig und abgeschieden und die Leute behandeln uns sehr respektvoll und freundlich. Für unsere Kinder ist es toll, weil sie dort den ganz normalen Alltag erleben können, was in L.A. nun mal nicht geht. Sie können unbehelligt im Park mit anderen Kindern spielen. Deren Eltern kennen mich meist noch von früher - für die bin ich einfach nur ein Typ aus Maryland. Das ist ein schönes Gefühl, ein Gefühl von Heimat. Denn diese Wurzeln haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin.“

Ritter der Kokusnuss

Zurück in die Zukunft. Denn nach der aktuellen Good Charlotte-Bestandsaufnahme hat sich Joel zusammen mit seinem Bruder und der Band durchaus noch eherne weitere Ziele gesteckt. „Seitdem Benji und ich Songs schreiben, ist es unser oberstes Ziel, Stücke zu komponieren, die eine Geschichte erzählen und im Kern einfach gute Songs sind. Ich glaube aber, dass wir unsere besten Sachen noch nicht verfasst haben, sondern immer noch auf der Suche sind. Auf dem neuen Album haben wir unseren Horizont erweitert und das möchte ich auch in Zukunft tun“, so Joel, der auch liebend gerne mal einen Filmscore schreiben würde. Für den bekennenden Musical-Fan, der zu Recht die immensen musikalischen Killer-Qualitäten von Meisterwerken wie ’Hedwig And The Angry Inch’ hervorhebt, wäre auch eine musikalische Entwicklung im Stile von Green Days Rock-Oper-Meilensteinen ’American Idiot‘ und ’21st Century Breakdown’ denkbar – solange sie nicht künstlich erzwungen ist: „Ich bin ja seit meiner Jugend großer Green Day-Fan, und für sie hat es sich ganz natürlich in diese Richtung entwickelt – was bekanntlich auch super funktioniert. Ein Album zu schreiben, das später sogar als Musical am Broadway aufgeführt wird, ist schon eine sehr coole Sache. Davon träumt doch jeder, der Musik schreibt. Aber man kann so etwas nicht planen. Ich glaube auch, dass Green Day das nicht bewusst dahin gesteuert haben. Aber ich hätte nichts dagegen, wenn es sich für uns in eine ähnliche Richtung entwickeln würde.“

Genug Gespür und Öhrchen für Eingängigkeiten haben Good Charlotte ja bereits unter Beweis gestellt. Und auch an Pop-Berührungsängsten leidet die Band bekanntlich nicht. „Ich habe nichts dagegen, mich weiterzuentwickeln und Songs zu schrieben, die die Grenzen des Genres, aus dem wir ursprünglich stammen, durchbrechen. Ich habe auch nichts dagegen, Pop-Musik zu machen. Das soll nicht heißen, dass wir jetzt beschissene Pop-Songs zum einmal Hören und Wegwerfen schreiben wollen und werden. Das wird nicht passieren“, beteuert Joel. „Aber ich liebe die Beatles und die haben eben auch große Pop-Songs geschrieben, die gleichzeitig eine tiefere Bedeutung hatten, von der ganzen Welt geliebt wurden und auch weiterhin geliebt werden. Einen Song, den die ganze Welt kennt und singt, zu schreiben, ist doch das, was du als Songschreiber als dein Vermächtnis anstrebst. Das ist der heilige Gral des Songwritings. Wie man den findet ,und ob wir es jemals schaffen werden, weiß ich nicht“, bleibt Joel bescheiden. „Aber wir werden sicherlich die nächsten zehn Jahre weiterhin danach Ausschau halten - auch wenn unsere Gralssuche wahrscheinlich näher an der Monty Python-Version als an der Original-Geschichte sein wird“, gibt sich Joel mit einem Lachen zum Abschluss durchaus optimistisch.


Fotos: Myriam Santos
Heimat: goodcharlotte.com


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