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Bild: My Chemical Romance

My Chemical Romance
Die Wüste lebt


My Chemical Romance begeben sich mit ihrem neuen Album „Danger Days: The True Lives Of The Fabulous Killjoys" schwer bewaffnet auf einen Ritt in die Apokalypse. Gute Reise.

Jedes Ende ist bekanntlich auch ein Neuanfang. Im Idealfall. Für My Chemical Romance war das Finale ihrer gut zwei Jahre andauernden Welttour zum letzten Album „The Black Parade“ in erster Linie aber pure Erlösung. Erschöpft und der allabendlichen Verkleidung im Spielmannszug-Kostüm überdrüssig, brauchten Frontmann Gerard Way, sein Bruder Mikey sowie die Gitarristen Ray Toro und Frank Iero vor allem eine regenerative Pause, um sich persönlich und ihre Familien neu zu justieren, privaten Interessen zu frönen und generell Abstand zu gewinnen - zum Business, zur Musik, zu den Bandkumpels. Insbesondere Gerard Way war der körperlichen und psychischen Selbstkasteiung überdrüssig und fühlte sich seinem einst für „The Black Parade“ geschaffenen Charakter des stets am Abgrund wandelnden „Patienten“ näher als ihm lieb war. Ausgerechnet zu einer Zeit, als My Chemical Romance den massivsten Triumph ihrer Bandgeschichte feiern und zu den Größten ihrer Zunft avancieren, zweifelt ihr Frontmann an der Zukunft seines Lebenswerks.

Aufgewachsen im fensterlosen Untergeschoss ihres Elternhauses, zieht es sowohl Gerard als auch seinen Bruder Mikey im Jahr 2008 weg aus dem grauen New Jersey, hinein ins sonnengeflutete Los Angeles, wo sich die beiden mit ihren frisch angetrauen Ehefrauen häuslich nieder- und ihre Seele baumeln lassen. Gelegentliche Ausflüge in die kalifornischen Nationalparks und neu gewonnene Freunde helfen den beiden, diesen neuen Lebensabschnitt in vollen Zügen zu genießen. Insbesondere Gerard wird vom kreativen Vibe der Filmmetropole aufgesogen. Nachdem er bereits für den Plot diverser My Chemical Romance-Videos verantwortlich war, sein dramaturgisches und narratives Talent in preisgekrönten Comics unter Beweis stellen konnte und bandintern als Ideenquell und hart arbeitender Kreativpool gilt, war es bald an der Zeit, wieder die Musik in den Mittelpunkt seines Schaffens zu rücken. Angefixt von der Arbeit an dem My Chem-Beitrag zum „Watchmen“-Soundtrack, finden sich die Bandmitglieder Anfang 2009 wieder im Studio ein, um an neuen Songs zu arbeiten. Dabei nähern sich die fünf dem Projekt „neues Album“ sternförmig: Gitarrist Frank Iero frönte mit seinem Seitenprojekt Leathermouth kurz zuvor brachialem Hardcore und ist entsprechend energiegeladen, Ray Toro ist bereit, mit neuen Instrumenten und Sounds zu experimentieren und die mittlerweile dank ihres harmonischen Familienlebens weitgehend problembefreiten Way-Brüder sind erstmals in ihrem Dasein so etwas wie ausgeglichene Zeitgenossen. In der Theorie kann nun eigentlich nichts mehr schiefgehen.

In der Praxis sieht das jedoch anders aus. Zwar ist sich die Band einig, dass das neue Werk nicht nur komplett anders klingen und wirken muss als "The Black Parade“, sondern auch etwas vom Spirit und der ungestümen Spielfreude der frühen Alben „Three Cheers For Sweet Revenge“ und „Life On The Murder Scene“ atmen darf. Im September 2009 sickern erste Infos und Songtitel aus den Wänden der „Sunset Sound Studios“ in Los Angeles: Unter Slogans wie „Death Before Disco“ oder „Black Dragon Fighting Society“ verbergen sich Songs, die dem Anspruch der Band, reduzierter, aufgeräumter und weniger überladen klingen zu wollen zwar durchaus gerecht werden, an das Hymnenpotenzial von Liedern wie „Dead“ oder „How I Disappear“ nicht heranreichen können. Als vorerst letztes Lebenszeichen erreicht die Fans der Band im Februar dieses Jahres die Nachricht, dass der langjährige Schlagzeuger Bob Bryar aus bis heute ungeklärten Gründen die Band verlassen hat. Laut Gerard Way trennten sich Band und Drummer „aus Gründen“. Den Rest klären derzeit die Anwälte. Klar war mit Bryars Ausstieg allerdings, dass ein baldiges Erscheinen des neuen Albums in noch weitere Ferne gerückt war.

Im September 2010 bittet die Band schließlich zum Gespräch in das heimatliche Los Angeles. Drei Tage verbarrikadieren sich die vier verbliebenen My Chem-Mitglieder im musikhistorisch halbwegs bedeutenden Sunset Marquis-Hotel, einem palmenbewachsenen Labyrinth aus Bungalows, Suiten und Hotelpool, in dem bereits der eine oder andere Star geplanscht hat. Die Wände des Hotels zieren Fotos diverser prominenter Übernachtungsgäste: Joe Strummer, Dave Grohl, Slash. Wer dazu an die Mär des Hotels als Auffanglager für nächtlich des Hauses verwiesene Ehemänner glaubt, kann sich den Rest selbst ausrechnen. Seit wenigen Stunden gibt es mit einem Trailer zur neuen Single „Na Na Na“ auch ein visuelles Update der neuen My Chemical Romance: Gerard trägt seine Haare halblang und rot gefärbt, Mikey hat nach erfolgreich verlaufener Augenlaser-OP keine Hornbrille mehr nötig, bei Frank Iero äußert sich die bevorstehende Vaterschaft im solidarisch ausgewuchtetenen Hüftumfang und Ray Toro ist Ray Toro ist Ray Toro: Der Sprössling einer aus Puerto-Rico nach New Jersey immigrierten Familie trägt noch immer Afro-Mähne zu Jeans und T-Shirt.

„Na Na Na“ ist nicht umsonst der seitens der Band ins Rennen geschickte Vorbote des neuen My Chem-Sounds, gilt der Song doch als Initialzündung für ein Album, an dem sich die vier beinahe die Zähne ausgebissen hätte. Entstanden ist der rettende Engel zu einer Zeit, als Way frustriert und desillusioniert vom Scheitern der ersten Studiosessions gemeinsam mit seiner Frau Lyn-Z und der Tochter Bandit Lee Way in die kalifornische Wüste gereist war, um im Joshua Tree Nationalpark zur Ruhe zu kommen und Energie zu tanken. „Plötzlich hatte ich eine Eingebung, eine Vision“, erinnert sich Way. „Das Album musste sein wie die Wüste: karg, spärlich, aber voller Leben. Das in Kombination mit der Songidee zu 'Na Na Na' und diesen anderen, meinen Kopf beherrschenden Szenarien aus Science-Fiction, Laserpistolen oder Autos, sollte das Konzept des neuen Albums werden.“ Vorhang auf für „Danger Days: The True Lives Of The Fabulous Killjoys“, ein 14 Song starkes Manifest einer gesund-geschrumpften Band und vier spielfreudiger Typen:

Gerard, wenn der erste Versuch, dieses Album fertig zu stellen, NICHT gescheitert wäre, was für ein Typ würde uns gegenüber sitzen?
Ein unauffälliger Zweifler mit kurzen schwarzen Haaren, der mit seinem Kopf schon beim nächsten Album ist. Ich meine, die Platte wäre okay gewesen, aber wahrscheinlich hätten sowohl Fans wie Feinde den Eindruck gehabt, dass wir zu einem unambitionierten Haufen satter Rock-Stars mutiert wären. Dabei wollten wir nach „Black Parade“ nur weg vom Bombast, von der Verkleidung, vom thematischen Überbau; deshalb sollte es auf dem neuen Album kein Konzept, keine Kostüme und keine Kunst mehr geben. Blöderweise hatten wir uns dabei so weit reduziert, dass von der Essenz der Band nichts mehr zu spüren war. Das war eine schmerzhafte Erfahrung, die mir aber auch aufzeigte, dass es genau jene Elemente sind, die das Salz in der Suppe ausmachen, die dem Ganzen den Geschmack verleihen. Also wusste ich, dass wir das komplette Album überarbeiten müssen.

Gibt es denn trotz aller Vorbehalte gegen ein Konzeptalbum so etwas wie einen roten Faden, der sich durch „Danger Days“ zieht?
Nicht unbedingt, aber es gibt klar definierte Themen: Kunst, Chaos, Kreativität - das sind die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Man sollte sich keine Gedanken darüber machen, welche Folgen kreatives Verhalten haben könnte oder was die Leute davon halten. Deshalb auch das apokalyptische Endzeitszenario des Covers: Es symbolisiert unsere furchtlose Herangehensweise an die Musik, unsere Rebellion dagegen, Teil einer todlangweiligen, gleichgeschalteten Rock-Szene zu sein - und dass wir uns der Konsequenzen dessen bewusst sind. Das Album sollte ursprünglich eine Liebeserklärung an den Rock'n'Roll werden, entwickelte sich aber zur Cruise Missile, die alte Strukturen zerstören muss, um sie im Anschluss neu aufbauen zu können.

Dafür klingt das Album in weiten Teilen aber recht eingängig, sehr Midtempo-lastig mit wenigen eruptiven Ausbrüchen.
Ich bin der Meinung, dass wir mit diesem Album einiges gewagt und unsere Komfortzone verlassen haben. Im Gegensatz zu den vorigen Alben basieren die Songs diesmal nicht nur auf Riffs, sondern auf Beats und Schlagzeug-Rhythmen. Jeder, der früher eine Gitarre im Anschlag hatte, griff sich ein Keyboard, ein Chaospad oder ein anderes krudes Instrument, das im Haus unseres Produzenten Rob Cavallo so rumlag.

Wer spielte denn nach dem Ausstieg von Bob die Drumparts ein?
Diverse Leute, Freunde von uns oder eben Rob Cavallo. Auf „Bulletproof Heart“ trommelt Byron „Wookie“Landham, ein Jazz-Schlagzeuger aus Philadelphia. Auch John Miceli, der Drummer von Meat Loaf, half uns bei einigen Songs. Wir fühlen uns so ohne festes fünftes Bandmitglied zurzeit ganz wohl. Wir sind eben in den letzten zehn Jahren zu einer Einheit gewachsen, die es jedem Neuling schwer macht, Fuß zu fassen.

Wie gut schlug sich denn Mikey bei den Aufnahmen? Bei der Arbeit an „The Black Parade“ schien es um seine mentale Stärke nicht unbedingt gut bestellt.
Das stimmt, das war eine harte Zeit für ihn. Der Druck, den unser Status mit sich brachte, hat ihn schwer belastet. Das äußerte sich in Depression, Panikattacken und lähmender Bühnenangst. Er begab sich in die Hände von Therapeuten, die ihm beibrachten, wie er damit umgehen kann. Und schau ihn dir heute an: Er ist selbstbewusster und hübscher denn je!

Wie sieht's bei dir aus? Die kalifornische Sonne scheint auch auf dein Gemüt positiv abgefärbt zu haben.
Meine gesamten Lebensumstände sind wesentlich gesünder als zu der Zeit, als ich noch in Jersey gelebt habe - ohne Fenster in der Bude, bleich wie ein Vampir. Ich bin natürlich auch durch meine Familiensituation wesentlich geerdeter als noch vor ein paar Jahren. Generell glaube ich, dass man vor seinem 30. Lebensjahr ohnehin stets nahe am Abgrund wandelt, immer in der Gefahr, abstürzen zu können. Deshalb war „The Black Parade“ auch so ein Wagnis, denn erstens beackerte ich darauf Themen, mit denen ich die dunkelsten Kapitel meines Lebens beleuchtete, und zweitens hatte ich nicht die nötige Reife, um damit umgehen zu können. Die größte Herausforderung bestand diesmal darin, mir selbst zu beweisen, dass ich noch genug Saft habe, mich dem Stress und dem Druck erneut auszusetzen - und dabei eben auch Gefahr zu laufen, zu scheitern.
Gehört es zu Gerard Ways „neuem“ Leben auch, mit ein paar alten Gewohnheiten zu brechen?
Ich bin ein totaler Nachtmensch. Ich werde kreativ, wenn andere schlafen. Seit der Geburt meiner Tochter muss ich meinen Rhythmus natürlich dem der Familie anpassen. Ich spiele kaum noch Videospiele und versuche, den Anteil der Nachtarbeit auf ein gesundes Maß herunter zu schrauben.

Inwiefern ist Kalifornien zu deiner Heimat geworden? Bist du immer noch der Junge aus Jersey oder gehst du im Hollywood der Reichen und Schönen total auf?
Keine Angst, ich bin noch immer der griesgrämige Großstädter, ich bin noch immer der Schmutz unter den Giebeln vermeintlich sauberer Fassaden. Aber natürlich gibt es ein paar Dinge hier in Kalifornien, die das Leben angenehmer machen. Ich meine damit nicht die Oberfläche, das „Bevery Hills“-Kalifornien, sondern die Wüste, die braun-gelbe Farbe der Landschaft, die Sonne. Kalifornien ist der erste US-Staat, der die Schönheit und den Artenreichtum der Wüste erkannt und sie deshalb zum Nationalpark erklärt hat. Das gefällt mir.
Zurück nach New Jersey. Zurzeit ist es regelrecht cool, wenn eine Band aus Jersey stammt. Als ihr vor zehn Jahren aus den Kellern von Newark geklettert seid, hättet ihr das für möglich gehalten?
Es ist schon lustig, wie sich das gewandelt hat, aber ich habe My Chemical Romance nie als „traditionelle“ Jersey-Band gesehen, als Re-Inkarnation von Bruce Springsteen oder den Sopranos. Wir wollten immer genau das Gegenteil von dem sein, was man mit New Jersey assoziierte, und ich glaube, das ist uns gelungen.

Gibt es dennoch ein paar Tugenden, Traditionen, an denen ihr festhaltet - bewusst oder unbewusst?
Wir sind so ziemlich die untraditionellsten Typen, die du dir vorstellen kannst. Mikey und ich haben beide nach einem Konzert geheiratet, backstage, schnell und unkompliziert. Natürlich mögen wir Weihnachen oder Halloween, aber statt anderer Leute Bräuche zu leben, kreieren wir lieber unsere eigenen. Wir schenken uns beispielsweise immer gegenseitig ein selbst geschaffenes Kunstwerk zu Weihnachten, ein schönes, kreatives Ritual.

Wenn euch jedes Album so viel abverlangt wie die bisherigen, siehst du dich in der Lage, auch in zehn Jahren noch My Chemical Romance-Platten zu veröffentlichen?
Hätte man mir diese Frage nach dem Ende der „Black Parade“-Tour gestellt, hätte ich mit einem klaren Nein geantwortet. Heute kann ich mir dagegen überhaupt nicht vorstellen, wie es wäre, KEINE Alben mehr zu machen. Ich meine, jedes unserer Alben hat eine so lange Entstehungsphase und beinhaltet so viele kreative Prozesse, dass es mich komplett erfüllt. Ich kann Texte, Musik und Drehbücher schreiben, ich kann Modellautos bauen, zeichnen, Filme drehen - all diese Ventile stehen mir zur Verfügung. Allerdings gibt es tatsächlich einen Traum, den ich mir in den nächsten Jahren noch erfüllen möchte: Ich würde mit meiner Familie gerne in Japan leben. Alles dort ist so inspirierend: Die Landschaft, die Kultur, die Lebensfreude, das Gemeinschaftsgefühl, das Essen oder diese unfassbar akribisch und perfekt konzipierten Städte. In Japan gibt es in der Mitte der Treppen eine Rampe, damit man mit seinem Fahrrad nach OBEN fahren kann! Das ist doch genial...


Fotos: Erik Weiss
Heimat: mychemicalromance.com


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