- Text: Timo Richard
- Fotograf: Tim Klöcker
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Itchy Poopzkid
Namen, Schall, Rauch und Zahlen
Neues Album, neuer Schlagzeuger, eigenes Label, Null Punkte im Mathe-Abi. Manchmal zwingen einen die Umstände dazu, ernst zu sein – sogar wenn man Itchy Poopzkid heißt. Mit ihrem neuen Album ‘Lights Out London‘ präsentieren sich die oft belächelten Punkrocker als verkappte Wunderkinder.
Rauch
„Gestern haben wir den offiziellen Beschluss gefasst, dass wir einfach aufstehen und gehen, wenn uns noch mal jemand nach unserem Bandnamen fragt.“ Eigentlich hat es Sebastian „Sibbi“ Hafner mit seinem Namen ja halbwegs gut getroffen – andere haben da weniger Glück. Fragt mal den Mitsubishi Pajero. Als der nach Spanien kam, ist ihm wahrscheinlich erst bewusst geworden, wie gemein seine Eltern zu ihm waren. Uneigentlich muss sich Sebastian Hafner aber seit zehn Jahren mit einem Pseudonym herumschlagen, das viel weniger bodenständig klingt als sein eigener Name. Sibbi ist Gitarrist und Sänger der Band Itchy Poopzkid und wird dementsprechend häufig darauf angesprochen, was er und seine Mitstreiter - Daniel „Panzer“ Friedl (Bass und Gesang) und der mittlerweile aus der Band ausgestiegene Schlagzeuger Tobias „Saikov“ Danne - sich eigentlich gedacht haben, als sie ihr Baby mit diesem Namen gebrandmarkt haben. Jene Studie der Universität Oldenburg, die 2009 bestätigte, dass Kinder – je nachdem unter welcher Typbezeichnung sie ihre Eltern in die Welt entlassen – schon im Grundschulalter mit massiven Vorurteilen zu kämpfen haben, kam für Hafner, Friedl und Danne wohl einfach zu spät. Wenn laut dieser Studie „Kevin“ der gedachte Prototyp des verhaltensauffälligen Schulrüpels ist – was ist dann Itchy Poopzkid?
Zahlen
Hauptsächlich ist Itchy Poopzkid eine Band aus Eislingen an der Fils, einem 20.000-Seelen-Ort in Baden-Württemberg. In diesem, wie Sebastian einräumt, „durchaus konservativen Umfeld“ ist es sicher schon verhaltensauffällig, eine Punk-Band zu gründen, insbesondere, wenn diese dann auch noch erfolgreich ist. Also doch die Justin-Marvin-Mandy-Schiene? So richtig mit ADHS-Vollbehandlung und Ritalin-Dauerkonsum? „In unserer Stadt gibt es meines Wissens nach außer uns keine Berufsmusiker. So was macht man da einfach nicht. Da macht man was Anständiges“, betont Sebastian. Was Anständiges. Was auch immer das sein soll...
Im Rock-Kontext wirkt das verhaltensauffällige Poopzkid keineswegs schwer erziehbar. „Uns ist die Band viel zu wichtig, als dass wir ständig total ausrasten würden. Wenn wir mal über die Stränge schlagen, entschuldigen wir uns und kaufen am nächsten Tag auch einen neuen Fernseher fürs Hotel“, berichtet Max Zimmer, der seit dem in aller Freundschaft vollzogenen Ausstieg von Tobias Danne im Januar das Schlagzeug bedient und zuvor schon festes Mitglied des Itchy Poopzkid-Tourtrosses war. Die Erfolgsgeschichte von Itchy Poopzkid ist auch deshalb beeindruckend, weil das Trio eben nicht - wie viele andere Bands - irgendwann in eine Medienmetropole übergesiedelt ist, nur um dort im Strudel junger hipper Röhrenjeans-Bands unterzugehen. Wenn jeder immer und überall „Kunst macht“, wenn Starbucks-Filialen zu Großraumbüros werden, kann man durchaus auch mal den Bezug zum Wesentlichen verlieren. Dass sich die selbstverordnete Nähe zur Heimat nicht negativ auf die Karriere auswirkt, ist für Sebastian und Daniel deshalb auch nicht überraschend: „Natürlich hat man in Berlin oder jeder anderen größeren Stadt mehr Möglichkeiten, Konzerte zu spielen. In Eislingen gibt es noch nicht mal einen Club“, erklärt Daniel. „Wir sind oft mit der Bass-Drum auf dem Rücken in den Zug gestiegen, um irgendwo spielen zu können. Das muss man aber auf sich nehmen und ich glaube, unsere große Qualität ist, dass wir auch unter widrigen Umständen immer unsere gute Laune behalten und uns nicht beschweren.“ „Die schlechte Infrastruktur hatte für uns immer den Vorteil, dass wir schnell raus mussten, um überhaupt als Band wahrgenommen zu werden“, sieht Sebastian den Nutzen begrenzter Mittel. „Um als Band etwas zu erreichen, muss man sich sowieso den Arsch aufreißen. Da ist es eigentlich egal, ob du in Berlin wohnst oder in Eislingen.“
Offensichtlich ist es bei der richtigen Arbeitseinstellung auch egal, ob deine Band Itchy Poopzkid heißt, oder doch mit einem wohlklingenderen Namen gesegnet ist. Sollen Sophia und Maximilian doch Textbausteine für ihr nächstes „Projekt“ auf dem MacBook rumschieben – Poozkid ist in der Zwischenzeit in die Charts eingestiegen. Vielleicht sind Namen doch nur Schall und Rauch? Um sich Itchy Poopzkid anzunähern, ist es zumindest zu einfach, den Dorfjugend-Mythos zu bemühen, denn so richtig wollen Panzer, Sibbi und Max nicht in das Bild von den gelangweilt Sechserträger vernichtenden Mopedfahrern, die sich das Wochenende hinter der örtlichen Tankstelle schöntrinken, passen. In reinen Zahlen ist ihre Band vor allem ein Wunder an Konstanz und Arbeitseifer.
Mit ‘Lights Out London‘ veröffentlicht Itchy Poopzkid dieser Tage das fünfte Album. Wie immer hat sich das Trio zwei Jahre dafür Zeit gelassen. Zum vierten Mal hat die Band gemeinsam mit Produzent Achim Lindermeir aufgenommen. Sibbi und Panzer kennen sich seit 22 Jahren und auch Max bewegt sich schon seit annähernd zehn in ihrem Freundeskreis. So richtig verhaltensauffällig klingt das nicht – eher schon anständig. „Das hat sicher auch mit unserem Umfeld zu tun. Wenn man eben in einer konservativeren Umgebung aufwächst, achtet man wahrscheinlich darauf, eine solide Basis für die Dinge zu finden, die man tut. Ob man will oder nicht, wird einem das mit in die Wiege gelegt“, erklärt Sebastian das Talent seiner Band, kontinuierlich zu wachsen, ohne das Erreichte irgendwann mit dem verlängerten Heck wieder einzureißen. Zu allem Überfluss haben Daniel, Max und Sebastian in der Zwischenzeit ein eigenes Label gegründet, über das nicht nur ‘Lights Out London‘, sondern auch die älteren Alben (wieder-)veröffentlicht werden. „Mit unserem alten Label hat es einfach nicht mehr gepasst, da waren wir eine Band unter vielen. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem wir nur noch mit Leuten zusammenarbeiten, mit denen wir uns auch privat befreundet fühlen“, freut sich Daniel, dem die Arbeitsteilung im neu gegründeten Unternehmen in die Karten spielt: „Ich hatte im Mathe-Abitur null Punkte und auch null Verrechnungspunkte. Für Geldaufgaben bin ich eigentlich nicht der Richtige.“ Das vermeintliche Problemkind Itchy Poopzkid mausert sich trotz seines stigmatisierenden Namens mit fortschreitender Dauer seines Bestehens zu einem professionellen Unternehmen, das in bester DIY-Manier nicht nur die kreative, sondern eben auch die wirtschaftliche Kontrolle auf einen überschaubaren Personenkreis verteilt. Und die Kumpels vom Gymnasium? Die Simons, Pauls, Charlottes und Hannahs? Wollen die jetzt das geklaute Milchgeld zurück?
Wie reagiert euer Umfeld auf euren andauernden Professionalisierungsprozess?
Daniel: Wenn man Leute trifft, mit denen man auf der Schule war und die einem sagen, dass sie halt irgendwo arbeiten, wird einem schon bewusst, wie privilegiert man ist, das zu tun, was einem Spaß macht. Auch wenn wir durch das Label natürlich jetzt viel mehr Arbeit haben, die erst mal nichts mit Musik zu tun hat.
Hat man dann als Musiker plötzlich doch den Bürojob, den man immer vermeiden wollte?
Sebastian: Es ist schon interessant, wie viel Arbeit es ist. Aber selbst wenn man zehn Stunden im Büro sitzt, fühlt sich die Arbeit natürlich ganz anders an, weil man weiß, dass es dem eigenen Ding zu Gute gekommen ist.
Daniel: Wir haben früher oft genug im Winter Telefonbücher ausgetragen oder am Fließband gearbeitet und am Ende des Tages nur die Karte in die Stechuhr gerammt und uns geärgert, dass sich nichts verändert hat. Wenn ich jetzt den ganzen Tag für die Band arbeite, kann ich auch direkt sehen, dass wir etwas erreichen. Das ist natürlich ein wunderbares Gefühl.
Und eure Eltern? Halten die es nervlich aus, dass ihr in einer Band spielt und nichts „Anständiges“ macht?
Sebastian: Die haben nach zehn Jahren so langsam begriffen, dass wir das machen müssen. Sie merken einfach, dass das unsere Leidenschaft ist. Als unsere Videos zum ersten Mal im Fernsehen liefen, war das ein Schritt, der ihnen, glaube ich, auch gut getan hat, weil sie gesehen haben, dass das, was wir machen, Hand und Fuß hat. Und vielleicht konnten sie auch ein bisschen bei den Nachbarn angeben. Bei ausbleibendem Erfolg ist es für Eltern bestimmt schwierig, wenn das Kind nach der Schule sagt: „Ich mach' jetzt Musik.“
Max: „... und habe am Wochenende in Mühlheim vor acht Leuten gespielt.“
Daniel: Ich habe früh angefangen, meine Eltern zu desillusionieren.
Sebastian: Zum Beispiel mit den Mathe-Noten...
Ihr seid schon sehr lange Freunde, seit zehn Jahren Bandkollegen und jetzt auch noch Geschäftspartner. Überrascht man sich unter diesen Umständen auch mit Fähigkeiten, die man vorher nicht einsetzen konnte?
Sebastian: Es wird niemand plötzlich ein anderer Mensch dadurch, dass er ein Label gründet oder sich eine Steuernummer besorgt, um Konzerte abrechnen zu können. Wir sind eher gemeinsam mit den Aufgaben gewachsen. Es ist ja gut, wenn man sich kontinuierlich weiterentwickeln kann, dann bleibt es auch spannend. Das Jahr wird für uns zumindest sehr aufregend. Wir müssen sehen, wie das Album ankommt und wie sich das Label entwickelt. Und wenn sich gar nichts Neues ergibt, bringe ich als Überraschung auch gerne mal Blumen mit in den Proberaum.
Habt ihr ein Problem damit, wenn man euch nach zehn Jahren auch einen Reifeprozess unterstellt?
Sebastian: Das ist ja nichts Negatives.
Daniel: Da sind wir eher froh. Und es stimmt auch. Als wir angefangen haben, versuchten wir oft, witzige Texte zu schreiben. Irgendwann haben wir dann gemerkt, dass das nicht klappt (allgemeines Gelächter). Wenn „Reifeprozess“ bedeutet, dass man Inhalte hat, dann ist der ausdrücklich gewünscht. Aber schon dieses Wort „reifen“ ist natürlich schwierig, weil es immer nur teilweise stimmt. Man reift sicher mit den Aufgaben, für uns gegenseitig haben wir uns aber wenig verändert.
Sebastian: Wir lachen zumindest noch über den selben Scheiß wie vor zehn Jahren. Da erwischt man sich schon manchmal dabei, wie man im Tourbus sitzt und denkt: „Wir sind bald 30, spinnen wir eigentlich?“
Schall
Die Stimme der Vernunft ruft auch nach Itchy Poopzkid. Und tatsächlich bescheinigt das neue Album ‘Lights Out London‘ dem Eislinger Trio einen weiteren Schritt nach vorn. Musikalisch hat man sich vom Pop-Punk der Anfangstage gelöst, textlich ist man in die Tiefe gegangen und der allumfassende Professionalisierungsprozess hat auch auf den Studioaufenthalt abgefärbt. „Wir hatten ein Studio mit Fenstern. Das war für mich persönlich ein großer Schritt“, bestätigt Daniel grinsend. Die Aufnahmen selbst ist die Band mit großem Ernst angegangen, hat sich vorbereitet, um ihr neues Album live wie im Proberaum einzuspielen. „Damit haben wir unseren Produzenten sehr überrascht.“ „Wir haben feste Arbeitszeiten eingerichtet. Früher haben wir oft bis vier oder fünf Uhr nachts im Studio rumgeschraubt und am nächsten Morgen festgestellt, dass das alles für die Tonne war,“ erinnert sich Sebastian an die Arbeit an ‘Lights Out London‘. Die Proberaum-Atmosphäre sorgt während der drei Monate im Studio andererseits dafür, dass die Aufnahmen äußerst entspannt ablaufen. Itchy Poopzkid optimieren eben in alle Richtungen.
Namen
Das hätten die Grundschullehrer von Itchy Poopzkid wahrscheinlich nicht gedacht, aber im zehnten Jahr ihres Bestehens ist die Band höchstens dadurch verhaltensauffällig, dass sie sich qualitativ mit jedem neuen Album zu überbieten weiß und einen Grad von Selbständigkeit erarbeitet hat, um den sie so manch „größere“ Band beneiden kann. Auch mit ‘Lights Out London‘ werden Sibbi, Panzer und Max einige mediale Beachtung auf sich ziehen – in Sachen Aufmerksamkeits-Defizit ist vorgesorgt. Die böse Zukunft, die ein negativ besetzter Name zu evozieren scheint, kann von den drei Protagonisten wahrscheinlich erfolgreich abgewendet werden. Man findet mittlerweile sogar einige Vorteile. „Wenn der Name einen Vorteil hat, dann sicherlich den, dass so halt nichts und niemand sonst heißt. Verständlicherweise... Man findet, wenn man unseren Bandnamen bei einer Suchmaschine eingibt, auch wirklich nur Sachen und Artikel, die mit uns zu tun haben“, kommentiert Daniel. Und auch die Bedenkenträger früherer Tage scheinen weniger zu werden: „Wir merken schon, dass wir ernster genommen werden, weil wir schon seit zehn Jahren konstant da sind. Viele, die uns früher auch wegen des Namens belächelt haben, finden das, was wir machen, jetzt gut. Das freut mich sehr.“
Itchy Poopzkid – eine Band, die den Kevins und Marvins, den unclesally*s, den Jaquelines und Chantals des Planeten Hoffnung machen kann.
Fotos: Tim Klöcker/ 103prozent.de
Styling: Alexandra Heckel
/ alexandraheckel.com
Heimat: itchypoopzkid.de
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