- Text: Frank Thiessies
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Dredg
Elektronische Evolution
Vorhersehbarkeit existiert im musikalischen Universum von Dredg nicht. Die experimentellen Alternative-Rocker und Plan-Strategen überraschen nur zu gerne mit dem Unerwarteten. Für ihr fünftes Album ‘Chuckles And Mr. Squeezy’ ist das Konzept auch schlichtweg, dass es diesmal gar keines gibt. Dafür aber eine ungewöhnliche externe künstlerische Kollaboration.
Dass Dredg stilistisch noch nie leicht zu packen waren, ist kein Geheimnis. Auf ihren ersten Alben flirteten die Jungs aus Los Gatos, Kalifornien, noch mit Art-Rock, loseren Songstrukturen und kamen auch mal mit abgefahrenen Konzepten und Theorien zur Synästhesie um die Ecke. Doch schon mit dem letzten Werk ‘The Pariah, The Parrot, The Delusion’ (2009) zeichnete sich eine schleichende Veränderung in Richtung mehr Eingängigkeit und kompositorische Überschaubarkeit ab. ‘Chuckles And Mr. Squeezy’ geht diesen Weg noch radikaler und konsequenter zu Ende und schaut dabei gleichsam noch weiter nach vorn als zurück.
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Denn mit Daniel M. Nakamura, besser bekannt als Dan The Automator, haben sich Dredg einen Produzenten und Songwriting-Sozius angelacht, dessen Einfluss auf dem neuen Werk hörbar evident ist. Seines Zeichens eigentlich japanischer HipHop-Beatmaster und Klangregler, der bereits für die Gorillaz, Mike Pattons spleenige Peeping Tom oder bei Kasabian mischpultführend war, hat der gute Dan als nahezu gleichberechtigter kreativer Partner Dredg nun also aufs elektronische Parkett geführt. „Wir wollten zum Ausdruck bringen, dass dieses Album eine Kollaboration ist“, erläutert Gitarrist Mark Engels den herrlich bekloppten Albumtitel, den die Band basierend auf zwei ersponnenen Rodeo Clown-Charakteren ersonnen hat. „Dan ist selbst Musiker und er hat sich hierauf mehr eingebracht, als nur die Platte zu produzieren. Das ist mehr als nur ein Dredg-Album. Es ist ein Dredg-und-Dan-the-Automator-Album. Deshalb wollten wir auch diese zwei Charaktere im Titel haben. Auch wenn ich nicht genau weiß, wer von uns jetzt welchen verkörpert.“ Ist ja auch nicht so wichtig. Was zählt, ist das musikalische Ergebnis.
Und das ist so ungewöhnlich wie anfangs – zugegeben – gewöhnungsbedürftig, letzten Endes jedoch nicht wirklich mehr Puff Daddy als Pink Floyd. Allerdings: Wo früher das Schlagzeug rockte, dominieren nun elektronische Grooves, und auch die Gitarren mussten sich zunehmend flirrenden Synthesizer-Flächen und digitalen Soundscapes unterordnen. Geblieben ist dabei dennoch glücklicherweise Dredgs Händchen für Hooks und schöne, schwerelose Melodien. “Wenn man schon so lange gemeinsam Songs schreibt wie wir, besteht die Gefahr, dass man in alte Muster verfällt. Das muss jetzt nicht unbedingt etwas Schlechtes sein, aber wenn man mit jemand Neuem zusammen schreibt und arbeitet, ändert sich der Ansatz und die Perspektive und es entsteht etwas Frisches“, bekräftigt Mark seine Zufriedenheit über Dan the Man, der gleich bei drei Stücken (‘The Tent’, ‘Sun Goes Down’ und ‘Before It Began’) aktiv am Kompositionsgeschehen beteiligt war.
„Als klar war, dass Dan an Bord ist und er mit uns arbeiten möchte, wussten wir, dass der ganze Arbeitsprozess anders ablaufen wird als früher. Wir tendieren sonst gerne dazu, Sachen überzuanalysieren und unter die Lupe zu nehmen. Dieses Album ist ein bisschen flotter und unmittelbarer entstanden als unsere vorherigen.“ Andere alteingesessene Abläufe haben Dredg bei der Gelegenheit gleich mit generalüberholt. „Als wir die Songs geschrieben haben, lebte ich in Seattle“, berichtet Sänger und Gitarrist Gavin Hayes. „Insofern ist vieles aus der Distanz entstanden. Das war auch eine einflussreiche Variable. Alle vier von uns waren als Band nicht wie sonst immer zusammen in einem Raum und haben die Songs geschrieben, sondern wir haben separat an den Sachen gearbeitet und uns Tracks und E-Mails hin- und hergeschickt. Das hat den Sound stilistisch sicherlich auch mit beeinflusst.“ Hat es bestimmt, wenn natürlich wohl nicht so stark wie Dans Bearbeitung des Materials, bei der Dredg dem Mann vertrauensvoll jeden erdenklichen Freiraum gegeben haben.
„Wir waren diesmal nicht direkt beim Prozess des Abmischens dabei. Da wollten wir Dan einfach sein Ding machen und ihm seine Klangvision lassen“, verrät Mark. „Das was er mit den Songs gemacht hat, ging dann auch schon alles in die Richtung, wie wir uns diese Kombination aus uns und ihm vorgestellt haben. Man hört der Platte definitiv an, dass es eine Dan The Automator-Scheibe ist. Allein dieser Drumbeat-Sound ist unverkennbar.“
Gegensätze ziehen sich an
Vertrauten Dredg-Hörern dürfte beim neuen Album indes ebenso auffallen, dass neben rhythmischer Veränderungen und anderen Modernisierungsarbeiten die Dredg-typische Slide-Gitarre dieses mal wohl wortwörtlich fast komplett zu Hause geblieben ist. „Das liegt daran, dass ich einfach kaum Sachen auf der Slide geschrieben habe, weil ich in Seattle alles ziemlich basisch aufgenommen habe und nicht mal eine Gitarre dabei hatte“, klärt Gavin auf. „Ich habe tatsächlich direkt in das interne Mikro meines Rechners gesungen. Aber auf der nächsten Platte wird es dafür nur Slide-Gitarre geben. Und dann aber kein Schlagzeug“, scherzt der Sänger.
Während ein Stück wie ‘Upon Returning’ elektrisierend eruptiv daherkommt und ‘Somebody Is Laughing’ schon fast Indie-Tanzflächenfüller-Potenzial besitzt, finden sich aber auch ruhigere Töne auf ‘Chuckles And Mr. Squeezy’, die dagegen schon fast wieder in Richtung Folk, Country und Americana gehen. „Die klanglich ausgefallenen und experimentellen Sachen wollten wir schon eher an den Anfang des Albums stellen. Die ruhigeren Stücke auf der zweiten Hälfte sind dann etwas gewöhnlicher und konventioneller, wenn man so will. Das passte von der Reihenfolge einfach gut. Aber diese Platte folgt jetzt keinem Konzept von zwei verschiedenen Hälften oder so“, gibt Gavin zu Protokoll. Losgelöst von konzeptuellen Klammern und Plan-Paradigmen haben sich Dredg also ganz der Logik der freien Form im Ausdruck verschrieben.
„Gewisse Songs lassen sich allerdings auf Grund ihrer Entstehungsgeschichte zusammen bündeln. ‘The Thought Of Losing You’ und ‘Upon Returning’ sind ein derartiges Ideenpaket. Insgesamt sehe ich es aber er so, dass bestimmte Fragmente miteinander harmonieren und in Verbindung stehen, es aber ansonsten kein durchgehendes, bindendes Motiv gibt.“
Ein inhaltliches Oberthema findet Gavin bei genauerem Nachdenken schließlich aber doch noch. „Während der Songwritingphase habe ich erstmals meine leibliche Familie kennen gelernt, und das hatte sicherlich eine Einfluss auf einige der Stücke wie zum Beispiel ‘Before It Began’. Überhaupt sind auf dieser Platte Familie und Freundschaft wichtige Themen. Wenn ich das Album mit unseren anderen vergleiche, ist es für mich sicherlich das persönlichste.“
Trotz hörbarer Emotionalität in zuweilen ätherischer Perfektion haben Dredg ihre sympathisch spleenig analytische Art der Herangehensweise an Musik nicht verloren. Für dieses Album hat Gavin sein deduktives Talent im Hinterfragen von Mustern und Schemata auf einen ganz neuen Forschungsgegenstand angesetzt: Die Spielzeit von Songs und Alben. Klingt zunächst etwas albern und wie Rocken nach Zahlen, ist es dann aber nicht, wenn Herr Haynes es näher erklärt:
„Ich habe tatsächlich etwas Recherche in Sachen Spielzeit betrieben. Dazu habe ich mir die 50 besten Billboard-Songs aller Zeiten vorgenommen und mir gleichzeitig meine zehn Lieblingsplatten der letzten vier, fünf Jahre angeschaut. Platten, die ich mir immer wieder angehört habe und die für mich herausstechend sind, wie ‘The Ugly Organ’ von Cursive. Dabei habe ich als Gemeinsamkeit entdeckt, dass das alles Platten mit kurzer Spielzeit sind. Das Radio-Spiellängenformat für Singles von dreieinhalb Minuten gibt es aus gutem Grund. Ich glaube, es hat etwas damit zu tun, wie viel Informationen man in einer bestimmten Zeit verarbeiten kann, wie lang die Aufmerksamkeitspanne des Menschen ist. Früher gab es eben ja auch zeitliche Beschränkungen auf Grund des Mediums Schallplatte. Die wurden erst durch die CD mit ihrer längeren Spielzeit aufgehoben. Aber meine Lieblingsalben sind alle 40 bis 45 Minuten lang. ‘Dark Side Of The Moon’ hat auch nur 40 Minuten. Das sind die Platten, bei denen man keine Songs wegskippt, sondern am Ende eher noch mal alles von vorne hören möchte.“
Was für das neue Dredg-Album nach erstem Gewöhnungsdurchgang übrigens genauso gilt. Denn hinter all den atmosphärischen Flächen und Beats verbergen sich weiterhin wunderbare Songperlen, die trotz neuem Klanganstrich und gelegentlichem Indie-Popfaktor niemals zu oberflächlich anbiedernd oder gar aufgesetzt erscheinen. Denn dafür ticken Dredg nach wie vor einfach zu eigenständig anders.
Das Song-Geheimnis
War Gavin zu Zeiten von ‘Catch Without Arms’ noch auf Formel-Suche nach dem Geheimnis hinter erfolgreichen Songs, hat der Sänger in diesem Bereich mittlerweile ein paar brauchbare neue Erkenntnisse gesammelt. „Fast hätten wir ja mal mit Bob Ezrin (Produzentenlegende hinter unter anderem Pink Floyd) zusammengearbeitet. Jedenfalls hat er uns einen sehr wertvollen Rat mit auf den Weg gegeben: ‘Nimm deine zehn Lieblingssongs, lerne sie als Band und perfektioniere sie’. Das funktioniert wirklich und es beeinflusst bewusst oder unbewusst tatsächlich die Art und Weise, wie man an das Songschreiben herangeht“, so Gavin.
„Ich habe mir in letzter Zeit auf der akustischen Gitarre viele Country-, Classic-Rock- und frühe Rock’n’Roll-Sachen wie die von Buddy Holly draufgeschafft. Dabei habe ich mir angeschaut, wie sich in diesen Songs die Lyrics zusammensetzen. Das hatte vom Text und der Phrasierung der Gesangslinien sicherlich auch einen Einfluss auf die langsameren, ruhigeren Songs zum Ende der Platte, über die wir schon gesprochen haben. Ich bin jedenfalls der Ansicht, dass - je mehr man als Musiker kennt, je größer also dein Wissen auch außerhalb deines eigenen Genres ist - desto fruchtbarer ist das für dich als Künstler. Jeder sucht doch ständig nach neuen Einflüssen. Das gilt nicht nur für Musiker. Auch als Maler versuchst du doch, dein Bestes zu geben und dich mit alten und neuen Künstlern und ihren Arbeiten weiterzubilden.“
Scheuklappendenken und Stillstand bleiben somit weiterhin Vokabeln, die in Dredgs Wortschatz nicht existent sind. Entsprechend wünscht sich die Band im Gegenzug auch von ihren Fans ein ähnlich offenes Ohr. „Die Leute, die uns mögen, wissen, dass wir eine Band sind, die sich musikalisch stetig wandelt. Unsere ganze Existenz und Karriere beruht auf dem Prinzip der Veränderung und Evolution. Man erkennt uns wieder, aber es klingt alles etwas moderner und hat einen neuen Twist. Und der heißt diesmal Dan The Automator“, so Mark.
„Wir haben keine Angst, unser Publikum zu verlieren. Denn die Leute, die auf Dredg stehen, werden - selbst wenn sie mal ein Album nicht mögen - aus reiner Neugier jede neue Platte auschecken, um zu hören, was wir denn diesmal gemacht haben.“
Gavin ergänzt: „Wenn jemand natürlich eher auf laute Gitarren-Rock-Alben steht, dann wird das neue Album vielleicht nicht unbedingt sein Ding sein. Aber das ist okay für uns. Live werden die neuen Songs sicherlich auch noch mal anders klingen. Sicherlich sogar härter, weil wir dann nur echte Instrumente benutzen und Dino das Schlagzeug spielt.“
Davon kann man sich als Berliner am 15. Juni übrigens gleich selbst ein Bild machen, wenn Dredg in der Wuhlheide im Vorprogramm der wiedervereinigten und genauso querdenkenden System Of A Down aufspielen und sicherlich auch älteres Material zum Besten geben werden. „‘Chuckles and Mr. Squeezy’ ist eben ein etwas anderes Album in unserem Katalog, aber ein Album, das wir unbedingt so machen wollten. Das nächste wird sicher wieder ganz anders klingen“, bekräftigt Gavin die Konstante Veränderung in Dredgs Karriere.
„Aber genau das ist ja unser Ding. Wir sind jetzt seit zwölf oder 13 Jahren zusammen und machen Platten. Wenn ich heute noch mal ein Album wie ‘Leitmotif’ schreiben sollte, müsste ich wahrscheinlich brechen“, lacht Gavin. „Wir sind jetzt Anfang 30, ‘Leitmotif’ haben wir geschrieben, als wir 18 Jahre alt waren. Wenn wir also heute noch dieselbe Musik wie mit 18 machen würden, wäre doch ehrlich gesagt etwas nicht ganz in Ordnung mit uns, oder?“
Heimat: dredg.com
