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Bild: Casper
  • Text: Timo Richard
  • Fotograf: Erik Weiss
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Casper
... hat auch einen Schwanz


Umarmung und Küsschen kommen auf Caspers Album ’XOXO’ nicht vor. Stattdessen gibt es HipHop mit Hirn - Mangelware in einem Genre, das sich von lästiger Innovation längst verabschiedet hatte. Ist es gerecht, wenn sich über ’XOXO’ vor allem Typen freuen, die HipHop eigentlich doof finden? Ist das das Ende der Schwanzwedelei?

Ach ja, da war ja noch was. Man hatte fast vergessen, dass es deutschen HipHop wirklich gibt, so sehr hat sich das Genre über die Jahre selbst in die Irrelevanz befördert. Irgendwann ist deutscher HipHop zu gerechten Teilen zwischen GEZ-finanzierten Bauspar-Rappern und grenzdebilen Grottenolmen mit Pimmelkomplex aufgeteilt und danach rituell zu Grabe getragen worden. Daraus abzuleiten, dass HipHop irgendwann mal gestorben sei, ist natürlich Humbug. Er hat in den letzten Jahren einfach nur etwas Geld fürs Alter zurückgelegt und sich dabei am Sack gekratzt – und wer möchte schon, dass einem dabei jemand zusieht? Im einen Moment giltst du noch als wild und gefährlich, hast den größten und längsten und im nächsten müssen schon Typen wie Prinz Pi und Marteria ihre nach deinen Maßstäben total uncoolen Zivildienst-Uniformen anziehen und an deinem beim Bauchnabelpulen erstarrten Körper rütteln, damit sich überhaupt noch was regt. Mann HipHop, Alter! Früher warst du mal cool.

Und jetzt? Jetzt kommt Casper, jetzt kommt 'XOXO' – ein Brocken intelligentes, wütendes, persönliches Songmaterial. Und das soll HipHop sein? „HipHop ist die Lizenz zum blöd sein“, erklärt der ehemalige 'Royal Bunker'-Chef Marcus Staiger in der nachfolgenden „Casper-und-K.I.Z.-Kuschelrunde“ (siehe: „Die hohe Kunst der gepflegten Konversation“). Nach dieser Definition ist Casper also gar kein HipHop. Denn der schmale junge Mann aus Bielefeld ist alles andere als blöd.

Wahrscheinlich tobt auch deshalb schon seit gefühlten Ewigkeiten eine endlose Scheindebatte um seine Person, in deren Rahmen er von anonymisierten Internetpöblern gerne mal als „schwule Ratte“ gedisst wird. Ob die Wortwahl nur auf den relativ eindeutigen Wortschatz jener Subkultur zurückzuführen ist, der Casper angehört und irgendwie wieder doch nicht zugehörig scheint? Nicht vergessen: HipHop ist die Lizenz zum blöd sein – das gilt auch fürs Publikum.

Wer Anstoß daran nimmt, dass Benjamin Griffey, so Caspers bürgerlicher Name, statt Baggy- gern mal Skinny-Jeans aufträgt, Gitarrenparts in seine Lieder einbaut und sich in seinen Texten fernab jeder Nabelschau gerne mit Befindlichkeiten, ja, sprechen wir es ruhig aus, mit echten THEMEN auseinandersetzt, der fühlt sich in einer stagnierenden Subkultur, die in weiten Teilen nur noch die Geschlechtsteile ihrer Protagonisten zum Inhalt hat, offensichtlich schweinewohl. Natürlich kann man auch ohne Abitur rappen! Aber darf man eigentlich mit? „Ich finde es ja auch geil, wenn ich auf einem Konzert bin und alle kreisen aus und schmeißen ihr Bier durch die Gegend. Aber das ist einfach nicht meine Stärke“, gibt Casper zu bedenken.

„Ich liebe einfach Pathos in der Musik und will eine intime, gerne etwas düstere Atmosphäre schaffen. Es hat für mich aber den Anschein, dass Ernsthaftigkeit in der Szene auch sofort bedeutet, dass du besonders kritisch beobachtet wirst.“ Die Kritik, mit der sich Casper konfrontiert sieht, zielt seltsamerweise permanent auf sein Alleinstellungsmerkmal – die emotionale Dichte seiner Lieder. Casper wird als „Emo-Rapper“ verunglimpft. HipHop hat Angst, dass seine Eier verschrumpeln und abfallen.
Seltsam ist das schon. Während andere subkulturelle Zielgruppen danach lechzen, über die Musik eine intime emotionale Bindung zum Künstler einzugehen, ein Bild einzufangen, das so authentisch wie möglich ist, hat HipHop Schwierigkeiten, sich mit der Innerlichkeit und nicht nur mit der überfiktionalisierten Anatomie seiner Protagonisten auseinander zusetzen.

Innerhalb des Wertesystems Schwanzvergleich-HipHop macht Casper das, wofür sich HipHop seit der Erfindung von 'Aggro Berlin' und 'Royal Bunker’ eigentlich zuständig gefühlt hat. Er bricht Tabus, er stellt Konventionen in Frage, er provoziert – aber eben nicht, indem er seinen Hosenlatz öffnet, sondern seinen Mund. Dementsprechend weit ab von traditionellen HipHop-Vorbildern liegen auch die textlichen Referenzgrößen auf 'XOXO'. „Früher war Rap für mich einfach nur Sport, eine Möglichkeit, sich zu messen. Aber heute will ich, dass die Inhalte im Vordergrund stehen, dass jemand sagt, die Texte seien so gut wie die von Wiebusch oder Regener. Bei aller musikalischen Neuerfindung auf 'XOXO' darf man ja nicht vergessen, dass das eine Rap-Platte ist. Es geht verdammt noch mal um Texte“, erklärt Benjamin und pult an seinen Fingern herum.

„Auch wenn viel von meiner Persönlichkeit in das Album eingeflossen ist, vertone ich nicht irgendwelche Tagebucheinträge. Ich will, dass die Leute merken, dass sich da jemand doppelt und manchmal auch dreifach Gedanken gemacht hat.“ Auch deshalb reproduziert 'XOXO' nicht die HipHop-Formel, sondern zitiert auch musikalisch aus einer Palette, die Benjamins musikalische Sozialisation, die eben auch Hardcore, Punk und Indie einschließt, ebenso wie seine persönliche Biographie, die ihn aus der ostwestfälischen Ödnis in die USA und von da aus wieder zurück verschlagen hat.

Weil Casper mit diesem Album etwas Neues versuchen wollte, mussten er und sein Produzent Steady geil verboten bei den Strebern wildern gehen. Das findet HipHop wahrscheinlich doof, allen anderen wird es zumindest ein etwas schadenfrohes Grinsen ins Gesicht kritzeln: „Ich wollte einfach, dass auch die Beats auf diesem Album abbilden, was ich bin. Im HipHop gibt es immer dieses Dogma, dass man sich auf Funk und Soul beziehen muss. Aber ehrlich gesagt habe ich überhaupt keinen Bezug zu dieser Musik. Deshalb war es mir eben wichtig, dass mein musikalischer Background eine Rolle spielt, egal ob das jetzt irgendwelcher Shoegaze-Kram, Esben & The Witch, Turbostaat oder New Order sind. Ich habe Rap über den zweiten Mann meiner Mutter kenne gelernt, davor war bei uns zu Hause aber Ian Curtis Gott.“

'XOXO' vereint Herzblut, Nachdenklichkeit und Intensität und ist, obwohl diese Eigenschaften im Biz schon lange „keinen Fick“ mehr zählen, erkennbar HipHop. Das Album beleidigt weder Intellekt noch Haltung des Hörers und ist wahrscheinlich genau deshalb das Konsensalbum des Jahres. Noch bevor es veröffentlicht wurde, steht es auf Platz eins der Amazon-Verkaufscharts. „HipHop hat verdient innovativ zu sein. Er hat es irgendwann einfach nur verpasst die Leute mitzunehmen“, sagt Casper. Er ist gekommen, um euch abzuholen.

Heimat: casperxo.com


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