- Text: Christine Stiller
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Adolar
Tanzen und kotzen im Glitzerkleid
Hartgesottene Realisten würden sagen, das Leben ist eine Aneinanderreihung von Problemen. Diese sind mal größer, mal kleiner, mal tiefgreifender, mal selbstgezüchtet, manchmal (fast) nicht zu bewältigen, aber auch im latenten Zustand sind sie stets präsent. Oder anders ausgedrückt: Die nächste emotionale Herausforderung kommt bestimmt. Deshalb ist es ratsam, sich auch in schwereren Zeiten auf seine skurrile Seite verlassen zu können. Was? Willkommen bei Adolar.
Die Jungs, die mit ’Zu Den Takten Des Programms’ ihr zweites Album veröffentlichen, besitzen etwas, das nicht alltäglich ist. Schon gar nicht in der Szene, in der sie sich bewegen. Während andere Indie-Punker an der eigenen Ernsthaftigkeit beim Singen fast ersticken oder ihren Humor spätestens beim fünften veganen Diätversuch verloren haben, lässt sich Sänger und Bassist Tom Mischok im Video zu ’Tanzenkotzen’ beilschwingend in einem blauen Kleid ablichten. Das würde sich nicht jeder trauen. Wohl nicht mal darüber nachdenken. Wie auch? Einen sichtbar logischen Zusammenhang für das Glitzerkleid mit den passenden weißen Handschuhen im Clip gibt es nicht. Typisch Adolar eben.
Trotz aller Intensität der Texte, der Emotionen, der Grübeleien und leidvollen Erfahrungen, die der neuen Platte zugrunde liegen – hatte Songschreiber Tom in den letzten Monaten doch einige private Schicksalsschläge zu verkraften – spielen sie mit der Gegensätzlichkeit von Schmerz, Wut, Hass und skurrilem Humor. Intuitiv verzichten die Jungs auf Vorhersehbarkeiten und heben sich so von den Indie-Punk-Ensembles ab, die heimlich sicher auch gern über das kleine bisschen mehr Persönlichkeit verfügen würden.
Das, was Adolar so besonders macht, haben sich Tom Mischok, die Gitarristen Michael Cyris und Jan Krieshammer und Schlagzeuger Frank Mertens nicht antrainiert. Schon auf ihrem ersten Album ’Schwörende Seen, Ihr Schicksalsjahre!’, das die vier Freunde aus Sachsen-Anhalt 2010 veröffentlichten, demonstrierten sie mit ihren smarten Texten nicht nur, dass sie etwas im Kopf, sondern auch einen Blick für das Absurde im Alltäglichen haben. Vielleicht liegt das aber auch ein bisschen daran, dass Toms Bewusstsein beim Texten manchmal Achterbahn fährt: „Es kann schon vorkommen, dass ich einen Text mal nicht so ganz nüchtern schreibe, aber wenn etwas raus muss, dann muss es raus“.
Mit ’Zu Den Takten Des Programms’ zeigen sich die Jungs mutiger, aber auch gereifter. Die Songstrukturen plätschern bei Adolar nicht nur lieblos vor sich hin. Sie werden aufgebrochen und in ihrer Intensität erheblich gesteigert, durch den variierten Einsatz von Stimme und Betonung, Tempowechsel sowie eine starke, selbstbewusste Instrumentierung. Auch hat sich die Band dafür entschieden, mit ’Kleinigkeiten Im Ersten Stock’ einen Spoken-Word-Track auf dem Album zu integrieren. Das ist seltsam, vielleicht auch nicht nach jedermanns Geschmack, doch die Geschichte über das Beziehungsende von Toms Mitbewohnern bedeutet dem Sänger viel: „Ich schreibe öfters Kurzgeschichten und dieses Mal dachte ich halt: Warum nicht auch auf die Platte packen, passt ja irgendwie ganz gut.“
Wer sich die etwas bizarre, aber in der Tat sehr gute Geschichte zu Gemüte führt, wird nur ein weiteres Mal feststellen, dass sich die Band zwischen Herz, Hirn und ungewöhnlichem Humor ganz wohl zu fühlen scheint. Das Beste daran ist: So genau denken sie selbst sicher gar nicht über sich nach. Das kommt alles von innen.
Interview: Raphael Schmidt
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