- Text: Timo Richard
- Fotograf: Estevan Oriol
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blink-182
The times they are a-changing
Mit blink-182 liefert der letzte Dinosaurier der Pop-Punk-Ära ein amtliches Reunion-Album für Leute ab, die sich mal so richtig alt fühlen wollen. ’Neighborhoods’ ist zum Spagat zwischen Nostalgie und Ist-Zustand geworden. Ist der Revival-Zyklus jetzt eigentlich durch? Oder sind Reunions der nächste große Mikrotrend?
Es gab eine Zeit, in der Bands keine Facebook-Profile hatten und ihre Songs nicht ins Internet geleakt sind. Eine Zeit, in der nur Gefriertruhen Namen wie Chill-Wave trugen und nur dein seltsamer Kumpel mit dem Silberblick als Freak-Folk bekannt war. Aber es geht noch schlimmer: Denn davor gab es eine Zeit, in der MySpace nicht erfunden war und man besonders nerdige Musiknerds am Doppeltapedeck erkannte. Wenn man im Tee bunte Kügelchen fand, trank man ihn nicht – man goss ihn weg. Und wenn der Joghurt gefroren war, hatte man den Kühlschrank falsch eingestellt.
Es begab sich just zu jener Zeit, dass blink-182 ihr letztes, selbstbetiteltes Album veröffentlichten, bevor sie sich knapp eineinhalb Jahre später – vielleicht hatten sie da schon eine Myspace-Seite – endgültig von der Bildfläche verabschiedeten. Bis dahin hatte das Trio aus San Diego mehrere Millionen Tonträger umgesetzt, die neben tollen Melodien und haufenweise Energie einen nicht geringen Prozentsatz pubertären Fäkalhumors enthielten. Die drei waren das im Mainstream akzeptierte Sprachrohr des aufmüpfigen Teenagers.
Das verkompliziert es in der Gegenwart – zwei Jahre nach den ersten gemeinsamen Konzerten 2009 – ungemein, blink-182 als gestandene Rock-Veteranen abzufeiern – bei einer amtlichen Reunion stehen doch eigentlich Typen mit schwindendem Haaransatz in Piratenhemden auf der Bühne und gniedeln Blues-Rock-Soli.
Können drei Mittdreißiger so ohne Weiteres den inneren Teenie wieder entdecken? Für Gitarrist und Sänger Tom DeLonge besteht gar keine Notwendigkeit: „Wir sind höchstens noch zu 50 Prozent eine Pop-Punk-Band. Natürlich spricht Punkrock dich an, wenn du jünger bist. Er hilft dir, dich individuell zu fühlen und dich von einer Gesellschaft abzugrenzen, mit der du nicht einverstanden bist. So blöd das auch klingt – wir sind jetzt erwachsen und müssen uns nicht mehr abgrenzen. Wir haben uns unseren Platz in der Gesellschaft schon erobert. Ich erlebe uns gerade eher als Künstler mit einem Punkrock-Vermächtnis.“
Wenn man es recht bedenkt, sind blink-182 seit ihrer Gründung 1992 tatsächlich zu so etwas wie einem Klassiker gereift. Immerhin liest sich die Bandgeschichte ähnlich bewegt wie die von großen Reunion-Bands aus den goldenen Zeiten des Rock. Streit, Egoismen, Eskapaden – nur der Drogentod ist blink-182 bisher erspart geblieben. Dafür markiert in ihrer Bandgeschichte der Flugzeugabsturz von Ausnahmeschlagzeuger Travis Barker einen Wendepunkt, wie DeLonge bestätigt: „Das war ein einschneidender Moment, der alles wieder ins Rollen gebracht hat. Es war, als ob du Familienmitglieder triffst, die du lange nicht gesehen hast. Einerseits hat sich nichts geändert und andererseits sind so viele Dinge passiert, die uns alle verändert haben. Travis hat den Absturz überlebt, aber vier andere Personen sind dabei gestorben. Mark und ich haben Familienmitglieder verloren, bei mir wurde Hautkrebs diagnostiziert. Es ist eigentlich nicht verwunderlich, dass ’Neighborhoods’ düsterer geworden ist, als unsere alten Platten.“ Übrigens, zwischen ’Neighborhoods’ und seinem Vorgänger ’blink-182’ liegen nur acht Jahre.
Die Spin-offs der „Mark, Tom & Travis Show“
Als es sich im Februar 2005 ausgeblinkt hatte, gingen die Bandmitglieder anderen Projekten nach. Im Mai riefen Mark und Travis +44 ins Leben. Das Besondere an der Band war der Einsatz von elektronischen Sounds. Tom gab im September des gleichen Jahres die Gründung seiner Band Angels & Airwaves bekannt. Mit Mitgliedern von Bands wie The Offspring oder The Distillers an Bord entschied er sich für zunehmend progressive Elemente in seiner Musik. Angels & Airwaves veröffentlichen im November ihr viertes Album „Love: Part Two“. +44 liegen derzeit auf Eis. Travis brachte diesen März außerdem sein erstes Soloalbum „Give The Drummer Some“ auf den Markt.
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