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Bild: Wie die wilden Kerle touren
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  • Fotograf: Erik Weis
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Anspieltipps - Punkrock goes Akustik

Dallas Green (City & Colour)
„Little Hell“

Tony Sly (No Use For A Name)
“Sad Bear“

Joey Cape (Lagwagon)
“Doesn’t Play Well with Others“

Mike Ness (Social Distortion)
“Cheating At Solitaire“

Wie die wilden Kerle touren
Behind the scenes – The Revival Tour 2011


Der gefeierte Chuck Ragan, besser bekannt als Stimme von Hot Water Music, deren Bandlogo in Tinte gestochen den Arm vieler Mittzwanziger mit Punkrocksozialisation ziert, greift zur Akustikgitarre. Vor einigen Jahren überlegten er und seine Frau, dass es eine gute Sache wäre, wenn Freunde gemeinsam auf der Bühne stehen, akustische Musik machen und damit durch die Städte ziehen. Bei der vierten Ausgabe jener Tour klopfte Chuck dieses Mal bei seinen Freunden Brian Fallon (The Gaslight Anthem), Dan Andriano (Alkaline Trio) und Dave Hause (The Loved Ones) an die Tür. Vier Männer, vier Gitarren und unzählige Konzerte über Deutschland, England und Irland verteilt – willkommen bei The Revival Tour 2011.

Als die Show in Berlin gastierte und die vier vor dem Auftritt mächtig beschäftigt mit Soundcheck, Tätowierungen, Fotoshooting und Catering waren, schnappten wir uns die Protagonisten Brian Fallon und Dave Hause, um mit ihnen über das Phänomen “Punkrock goes Akustik” zu sprechen. Und mussten feststellen, dass selbst enge Freunde auch mal auf ihrem jeweiligen Standpunkt beharren. Aus dem Zimmer nebenan dringt das beharrliche Surren einer Tätowiermaschine herüber, während Dave entspannt im Cateringraum des Postbahnhofs sitzt und Brian wie ein aufgeregtes Kind durch den Raum läuft und verschmitzt lachend herumalbert.

Was hat es denn mit der Tätowiermaschine nebenan auf sich?
Dave: Das ist eine befreundete Tätowiererin hier aus Berlin. Jeder von uns bekommt ein anderes Motiv. Ich lasse mir zum Beispiel den Namen meines Neffen stechen.

Ist das so etwas wie ein Ritual auf der Tour? Gibt es in jeder Stadt eine Tätowierung?
Dave:
Nein, nein. Das hatte jetzt nur gepasst. Schau uns doch an, wir haben gar nicht mehr genug Platz auf unseren Körpern, um uns in jeder Stadt tätowieren zu lassen.

Ihr selbst seid momentan auf der Revival Tour nur mit der Akustikgitarre unterwegs. Wie erklärt ihr euch das Phänomen, dass mit der Zeit immer mehr Punkrock-/Hardcore-Jungs ein Akustik-Seitenprojekt starten?
Dave:
Ich würde das gar nicht so stark kategorisieren. Für mich ist Musik immer irgendwie Rock‘n‘Roll. Man ändert hier und da mal ein Instrument oder eine Nuance, aber am Ende geht‘s nur darum, Songs zu schreiben. Keine Ahnung ob es da eine Art Bewegung gibt – und wenn ja, dann würde ich mich da nicht dazu zählen. Ich mache einfach Musik in verschiedenen Kontexten.
Brian: Puh, ich weiß es nicht, habe aber schon öfter darüber nachgedacht. Ich würde das wohl nie machen, also ein Solo-Akustik-Projekt starten.

2009 hattest du doch aber auch ein paar Akustikstücke auf Myspace.
Brian: Ja, aber das war nur zum Spaß, nichts Ernsthaftes. Mehr so aus Langeweile. Ich liebe es, Teil einer Band zu sein. Allein spielen finde ich irgendwie komisch.

Und würdet ihr sagen, dass es eventuell auch was mit dem Älterwerden zu tun hat, dass man Akustikprojekte ausprobiert?
Dave:
Das ist definitiv ein Element davon. Ich meine, ich kann hier nur für mich sprechen, aber es hat neben dem Älterwerden auch was mit praktischen Gründen zu tun. Eine Band auf Tour kostet einfach mehr, man ist weniger mobil, es gibt einige Gründe, wieso Musiker ein Soloprojekt starten. Ich wollte immer eine Akustikplatte aufnehmen. Als wir mit The Loved Ones 2008 eine Pause brauchten, nahm ich das in Angriff. Und die Songs, die ich schrieb, fühlten sich damals auch irgendwie nicht nach The Loved Ones an.
Brian: Ich denke, es hat damit zu tun, dass die Leute in meiner Generation viel mit Musik wie Fugazi, Neil Young und so Punkrock-Zeug aufgewachsen sind, viele Interessen haben und so etwas starten. Aber klar, das hat auch was mit dem Alter zu tun, ich meine, du machst Erfahrungen, deine Knochen tun dir weh, du wirst fetter und so was und dann schreibst du eben Tee trinkend in der Nacht auf deiner Akustikgitarre Lieder darüber. Ich meine, ICH nicht, ich bin immer noch am Ausflippen, Autos kaputtmachen, Fallschirm springen und so Sachen eben (lacht).

Wirklich?
Brian: Neeeein, aber vielleicht sollte ich? Da draußen steht ein Sixties-Mustang, vielleicht sollte ich den zerstören gehen? Oder nur klauen? Ich denk‘ darüber nach.

Glaubt ihr denn ein ruhigerer Sound ermöglicht es einem, besser über emotionale Themen zu singen? Weil die Texte vielleicht auch mehr im Fokus stehen?
Dave:
Damit habe ich mich lange schwer getan bei The Loved Ones. Die Texte sind mir sehr wichtig und beispielsweise bei Festivals hatte ich oft Angst, dass textlich was verloren geht. Das mag ich an dem Akustikding. Aber ich würde nicht sagen, dass man nur ruhig emotional sein kann.

Habt ihr es schon mal erlebt, dass Leute meinen, ihr seid „Softies“, nur weil ihr nun auch ruhige Musik macht?
Dave:
(lacht) Ja, in der Tat! Ich habe einen guten Freund, der mir das mal vorgeworfen hat. Er meinte, er mag The Loved Ones, aber mein Soloalbum würde er sich auf keinen Fall anhören. Ich bin ein erwachsener Mann und mache mir da keine Sorgen. Man muss sich einfach wohl fühlen. Wenn andere das nicht mögen, ist das okay für mich.

Was haltet ihr denn von den Akustiksongs von Dallas Green, Tony Sly und so weiter? Mögt ihr deren Bandprojekte vielleicht sogar mehr?
Dave:
Wir kennen uns ja irgendwie alle. Und Dallas kann ich total gut verstehen, dass er Alexisonfire aufgegeben hat. Er hat ja eine Familie zu ernähren und City & Colour ist definitiv lukrativer für ihn.
Brian: Ich mag oft beides, also Akustik- und Bandprojekte. Die Alben von Leuten wie Dallas und Tony sind ja alle großartig. Aber ich muss gestehen, Daves Platte gefällt mir von allen am meisten.

Noch kurz zur Revival Tour, wieso seid genau ihr vier diese Jahr dabei?
Brian:
Das ist ja alles Chucks Idee, ich wollte primär helfen, die Tour in Europa zu promoten. Chuck ist der Boss, wenn er sagt: „Kommt Kinder, wir spielen jetzt alle auf dem Dach Fangen“, dann machen wir das eben (lacht). Aber im Ernst, es ist einfach schön, gemeinsam mit Freunden hier zu sein und ihre Lieder zu spielen.
Dave: Wie genau das Line-Up zustande kam, weiß ich gar nicht. (Dan kommt rein, um sich ein Sandwich zu machen.)
Dave: Dan, weißt du eigentlich, wieso gerade wir dabei sind?
Dan: Nee, ehrlich gesagt nicht. Ich weiß nur, dass Chuck mich irgendwann auf meinem Handy anrief und dann war das fest.
Dave: So war‘s bei mir auch. Aber wir sind ja schon alle lange Freunde und ich liebe auch die Musik der anderen.

Das musst du ja sagen, wenn die anderen anwesend sind!
Dave (lacht):
Nein, wirklich. Ich habe die Beweise auf meinen Körper tätowiert!

Und vermisst ihr eure Bandjungs? Oder fühlt es sich mit der Revival Tour auf der Bühne besser an?
Brian:
Mir geht es ganz klar mit meiner Band zusammen am besten. Bei ihnen ist der einzige Ort der Welt, wo ich mich normal fühle, wo ich sein kann, wie ich wirklich bin. Sie sind für mich neben meiner Familie die großartigsten Menschen. Wir haben diese „We against the world“-Einstellung, das ist einfach super.
Dave: Oh je, das ist schwer. Die Revival Tour ist ein riesiger Erfolg, und das ist alles total aufregend. Mit der Band hat man oft nicht die Möglichkeit, vor so vielen Menschen zu spielen. Ich kann gar nicht sagen, was besser oder schlechter ist, es ist einfach anders.




Chuck Ragan
Gründer und Oberhaupt der ganzen Revival-Geschichte ist der sympathisch-ste Holzfällerhemd-Träger der Punkrock-Szene: Chuck Ragan. Er begleitete mit seinen Stücken über viele Jahre mit der Genre-prägenden Band Hot Water Music unzählige Jugendliche auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Nach dem vorläufigen Ende eben jener Formation konzentriert er sich stärker auf die im Jahre 1998 gemeinsam mit HWM-Gitarrist Chris Wollard gegründete Band Rumbleseat und beschließt 2007 erstmals solo eine Platte mit seinen akustischen Folk-Songs zu veröffentlichen. Damit war er der Vorreiter für viele, die es ihm später gleich tun sollten: Akustikgitarre geschnappt, Karohemd angezogen und das Tempo runter geschraubt. Mittlerweile hat er ganze sechs Live- und Studioalben auf der Haben-Seite seines Solo-Projektes, erst kürzlich veröffentlichte er sein neues Werk “Covering Ground”.

Aktuelles Album: Chuck Ragan - “Covering Ground”


Dan Andriano
Der Familienvater Dan Andriano war in seiner Karriere Teil vieler Musikprojekte. Das bekannteste unter ihnen ist zweifelsohne das Alkaline Trio. In dieser Punkrock-Formation fungiert er seit 1997 als Bassist und Zweitsänger. Die Drei haben zwar selbst erst kürzlich zum 15. Jubiläum des Bandbestehens ein Akustik-Album geschenkt, das schien Dan aber offensichtlich nicht zu genügen. 2011 nahm er daher unter dem Namen “Dan Andriano In The Emergency Room” sein erstes Folk-Solo-Album auf.

Aktuelles Album: Dan Andriano In The Emergency Room - “Hurricane Season”


Dave Hause
Der gelernte Zimmermann und Sänger der Punkrock-Bande The Loved Ones Dave Hause, ist wohl das unbekannteste Viertel der Revival-Tour Besetzung. Das wird sich sehr sicher schleunigst ändern, denn als seine Band nach dem ausgiebigen Touren 2008 beschloss, eine Pause einzulegen, nutzte Dave die Gunst der Stunde um Stücke für sein erstes Solo-Album zu schreiben. “Resolutions” erschien hierzulande im Oktober und kann sich ganz vorne bei den Akustikalben des Jahres einreihen. Der Handwerker wird allerdings nicht müde zu betonen, dass ihm der Kontext, in dem er Musik macht, im Grunde egal sei. Am Ende gehe es doch immer nur um die Lieder und die Botschaft, die man damit transportieren kann.

Aktuelles Album: Dave Hause – “Resolutions“


Brian Fallon
Der zweite im Bunde bedarf im Grunde ebenfalls keiner Vorstellung. Der Sänger und Songwriter von The Gaslight Anthem geht zwar selbst nicht davon aus, je ernsthaft ein Akustikalbum aufzunehmen, hat sich aber immerhin dazu hinreißen lassen, im September dieses Jahres gemeinsam mit Freund und Roadie Ian Perkins unter dem Namen “The Horrible Crowes” die Platte “Elsie” zu veröffentlichen. Sie spielen zwar nicht rein akustisch, leisere Töne werden aber dennoch angeschlagen, um dem Seelenmüll und Herzschmerz jenseits von The Gaslight Anthem Luft zu machen. Da dies nur als Freizeit-Projekt auf der letzten Tour seiner Band entstand, kann man hier nicht wirklich von ernsthaftem “Fremdgehen” reden. Vielleicht liegt darin auch der Grund für das angeblich härter werdende Album, an dem Brian momentan mit The Gaslight Anthem arbeitet.

Aktuelles Album: The Horrible Crowes - “Elsie“




Jim Ward - Just being alive
Wer wie Sänger und Gitarrist Jim Ward in seinem Leben bereits in wichtigen Formationen wie At The Drive-In oder Sparta eine bedeutende Rolle spielte, der ist wie gemacht für die Revival Tour und so war er bei der zweiten Ausgabe 2009 ein wesentlicher Bestandteil. Wenn er mit uns über Emotionalität im Punkrock oder die Bedeutung von Erfahrungen im Musikbusiness philosophiert, weiß er, wovon er spricht, ist er doch in genau dieser Szene erwachsen geworden.

Es war das Jahr 2001 als ihre Fans erschüttert zur Kenntnis nehmen mussten, dass At The Drive-In sich auflösen würden. DIE Band, bei der man das erste Mal seine Wut rausgeschrien hat, sein erstes Konzert erlebte oder schlichtweg den ersten Liebeskummer von sich weg schob. Für die Mitglieder wie Ward, der mit 17 Jahren die Band mitgründete, war es eine Art Befreiungsschlag und die beste Entscheidung, dieses Kapitel seines Lebens abzuschließen. Die Lücke, die ATDI hinterließen, konnte nicht gefüllt werden, einen Hauch von Linderung verschaffte aber immerhin Wards neue Formation Sparta, die er gemeinsam mit dem Drummer und dem Bassisten seiner vorherigen Band aufbaute. Nachdem er einst in einem Interview sagte, die Idee eines Solo-Albums und einer anschließenden Tour würde seiner Psyche nicht gut tun, waren viele überrascht, als er 2004 dann doch erste Solo-Stücke veröffentlichte. Dieses Jahr erschien nach einigen EPs mit ’Quiet In The Valley, On The Shores The End Begins’ endlich auch das erste vollständige Album: “Es war an der Zeit dafür, ich habe gemerkt, dass ich nach 15 Jahren lauter Musik bereit dazu bin und wollte es auf das Kleinste reduzieren und das Songwriting in den Mittelpunkt stellen. Ich hatte das Bedürfnis, meine eigenen Entscheidungen zu treffen und auch wenn das alles etwas verkorkst klingt, weiß ich meine Bandkollegen von Sparta seitdem noch mehr zu schätzen und merke, wie sehr ich die Jungs liebe. Man hat allein zwar mehr Kontrolle über alles, aber auch weniger Antrieb durch fehlenden Druck von außen. Im Endeffekt würde ich mich wohl immer für die Band entscheiden.” Auf die Frage, was er von all den anderen Solo-Projekten seiner Genre-Kollegen hält, antwortet er mit dem größten Kompliment, das ein Musiker wohl machen kann: “Diese Jungs wie Dallas Green oder Tony Sly begeistern mich, sie spornen mich durch ihre großartigen Alben und Live-Auftritte an, noch bessere Songs schreiben zu wollen.”

Aktuelles Album: Jim Ward - “Quiet In The Valley, On The Shores The End Begins“


Text: Sarah Gulinski


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