-
Text:
- Fotograf: Sarah Lee
-
Coldplay
Ende der Depression
Coldplay haben Humor und einen neuen Platin-Seller.
Es gab Leute, die es wirklich ernst nahmen - „Angst“, das Parfüm von Coldplay. In einem von Brian Eno designten Flacon wurde das Blut-Schweiß-Tränen-Duftwasser im vorletzten Frühling auf der bandeigenen Website feilgeboten. Kurz nachdem „Viva La Vida“, das Hymnen-Denkmal mit der „oh ho ho hohhoh“-Mitmachzeile, von den Londonern zum vorerst letzten Mal durch Stadien gejagt worden und das gleichnamige Album als Weltbestseller manifest war.
Aber das Parfüm war ausverkauft, bevor es ausgeliefert werden konnte. Bestimmt, weil sein Auftauchen auf den 1. April 2010 datiert war. Die Metabotschaft in der Selbstironie: Am Ende der Coolness-Doktrin, dem schon die bunten Generalsuniformen der Band Vorschub leisteten, wurde weiter gearbeitet. Zur gleichen Zeit entstand der neue Blockbuster „Mylo Xyloto“, und es war irgendwie klar, dass die vormals Introvertierten ihre neue Platte nicht mehr nur noch als zaghaft Extrovertierte kredenzen würden. „Am Namen Coldplay kleben so viele Klischees, dass wir einen Albumtitel suchten, der erst mal nichts bedeutet. Abgesehen davon, dass er unserer Meinung nach interessant klingt, gab er uns eine freie Fläche, die wir mit Ideen füllen konnten. Das Mysterium ’Mylo Xyloto’ schuf Raum für Projektionen“, erzählt Chris Martin in der bandeigenen Ideenschmiede „The Bakery“ im Nordwesten Londons. Ein Klischee-Etikett, das der Band lange anhaftete ist ihre vermeintliche Verklemmtheit, und ein bisschen auch das politisch-korrekte Gehabe. „Natürlich, wir sind verklemmt, aber es reicht vollkommen aus, wenn wir uns selbst so sehen“, witzelt Martin.
Ergo geht das Trotzen gegen die Depression weiter. Coldplay sind mit dem „Para-Para-Paradise“-Slogan ihrer Single nicht plötzlich kommerzieller geworden, weil Raffgier sie zwingt. Sie müssen, weil alles andere Rückkehr in die persönliche und vermutlich auch kollektive Zwickmühle bedeutete. Gut, dass sie das ganze Brimborium kunstvoll, poetisch angehen. Es schert sie nicht, ob ihr Plädoyer für das Auge im Herzen als zeitgemäß geahndet wird. Sie sind wie sie sind: kreativ, individualistisch, beneidenswert konstruktiv-energetisch und zutiefst anti-sensationalistisch. Alleine dafür haben sie Mega-Platin verdient. Wie immer eigentlich.
Text: Michael Loesl
Heimat: coldplay.com
ANZEIGE
