- Text: Christine Stiller
- Fotograf: Tim Klöcker
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Kraftklub
Das ist ja mein Charakter
Andere feiern ihr großes Finale auf einer Karibikinsel. Wir fahren nach Chemnitz. Leicht ist uns dieser Tage nicht ums Herz, deshalb gönnen wir uns vor dieser letzten Ausgabe ein wenig Ablenkung und besuchen Kraftklub , die in wenigen Wochen ihr Debütalbum „Mit K“ veröffentlichen. Danach geht es uns besser.
Ein sonniger Herbsttag Anfang November. Wir halten vor einem kleinen weißen Gebäude nahe am Zentrum. Hier befindet sich der Proberaum der Band. Fünf lebhafte Jungs in engen grauen Röhrenjeans und uniformen schwarz-weißen Collegejacken begrüßen uns herzlich. Sie haben sich bereit erklärt, uns einen Tag lang durch Chemnitz zu führen, die Stadt, der sie, anders als ihre Schulfreunde, noch nicht den Rücken gekehrt haben. Es ist der Ort, den mittlerweile fast jeder mit dieser jungen Band verbindet, schließlich haben sie ihre Herkunft und die Rolle als Underdog stets zelebriert und für sich ausgespielt. Jeder kennt doch das Klischee: Chemnitz sei ein trostloser Ort im düsteren Osten, vom Schicksal im Stich gelassen, eine Geisterstadt voller zeternder Senioren und unsanierter Bauten, gern aus sozialistischer Platte. All das stimmt natürlich. Doch Chemnitz ist nicht zwangsläufig das Ende der Welt. In der sächsischen Studentenstadt beginnen viele junge Leute ihre erfolgreiche Zukunft. Fünf davon spielen in der Band Kraftklub und die führen uns heute als Auftakt der Exkursion und zur Bestätigung aller Vorurteile zu einem zehnstöckigen Haus feinster Plattenbaukunst. Natürlich verwaist. Natürlich heruntergekommen. Natürlich nicht mehr zu betreten. So wären jedenfalls die Regeln...
Die Jungs möchten unserem Fotografen allerdings ein ganz spezielles Bildmotiv liefern und haben zwei riesige Banner mit ihrem Bandlogo dabei. Sie laufen forschend um das Gebäude herum, um einen Weg zu finden, auf einen der Balkons zu gelangen. Alle sind sofort involviert: Frontmann Felix, sein Bruder Till (Bass) Sänger und Gitarrist Karl, der zierliche Schlagzeuger Max und Gitarrist Steffen, der mit seiner Altherrenbrille (die tatsächlich ein Erbstück seines Großvaters und nur zufällig heute wieder topmodern ist) tatsächlich wie der Erwachsenste in der Band aussieht. Er ist 23.
Als Felix sich über ein marodes Stahlgitter an der Hauswand in den ersten Stock hinauf hangelt, als sei es seine leichteste Übung und so etwas mit Anfang 20 ganz normal, ist das heimliche Grundschulmädchen im Betrachter schwer beeindruckt und natürlich schon ein bisschen verliebt. Würde die Körperstatur die Jungs nicht verraten, könnte sich hier gerade auch eine Gruppe Elfjähriger durch das Gebüsch zu einem der offenen Fenster durchschlagen, um sich Zutritt zu einem neuen, verbotenen Spielplatz zu verschaffen. Alte Erinnerungen. Die fünf Freunde kennen sich zum Teil bereits seit der ersten Klasse, haben sich aber erst vor etwa zwei Jahren zu ihrer Indie-Rock-Formation zusammengeschlossen. “In Chemnitz musst du einfach irgendetwas machen. Sport, Musik, Kunst. Sonst versumpfst du. All unsere Freunde machen was Besonderes“, sagt Felix, der mittlerweile wieder auf dem Boden angekommen ist und prüfend auf die graue Betonwand blickt. „Als ich 19 war, haben wir uns überlegt, die Band zu starten“, erzählt der selbstbewusste Frontmann, der mal eine Weile als Eisverkäufer im Kino gearbeitet hat und demnach auch schon Erfahrungen in prestigeärmeren Jobs sammeln durfte. Plötzlich ist er wieder verschwunden und taucht wenige Minuten später gemeinsam mit Till und Max auf einem Balkon auf, um die Banner zu hängen. Das geht schnell. Ein grimmiger junger Typ schlurft vorbei. Ob wir hier illegale Sachen machen würden, fragt er leicht aggressiv. Äh, nö. Das hier sind Kraftklub – mit K natürlich.
„SCHÖNE GRÜSSE INS ATOMINO“
Wir ziehen weiter. Etwa 15 Minuten später stehen wir vor einem flachen Neubau in der ziemlich ausgestorben wirkenden Innenstadt. Zwischen seelenlosen Gebäuden aus Stahl, Glas und viel Beton befindet sich der Lieblingsclub der Band. Zwei Mitarbeiter öffnen uns. Natürlich Freunde der Jungs. Man kennt sich, man mag sich und als die fünf vor wenigen Wochen bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest mit ihrem Hit „Ich Will Nicht Nach Berlin“ im unkonventionellen Bodypaint-Outfit den fünften Platz für Sachsen holten, war das der Ort, an dem sich Freunde und Verwandte zum gemeinsamen Zuschauen trafen. Schöne Grüße.
Wie jeder Club ist auch das Atomino bei Tageslicht ein ganz anderer Ort als bei Nacht, aber auch um 14.00 Uhr nachmittags wirkt der Laden recht gemütlich. Die Wände sind liebevoll mit schwarz-weißer Mustertapete dekoriert. Hier und da steht ein bisschen Nippes auf dem Tresen herum. Darüber hängt ein Banner, auf das Felix' Vater mit schwarzer Farbe ein paar Männergesichter gemalt hat. Sein Vater? Genau der. Vor zwölf Jahren war er einer der Gründer des Atomino. Felix und Tills Eltern waren zu DDR-Zeiten Teil eines experimentellen Künstlerprojekts namens AG Geige. So viel Nähe zwischen dem eigenen jungen Leben und dem der Erzeuger kann verwirrend sein.
Gut nachvollziehbar, dass die Jungs dieses System im Song „Zu Jung“ ein bisschen beklagen. Geschadet scheint ihnen das Hippie-Netzwerk aber nicht zu haben. „Das Atomino ist der Ort, an dem alles begann“, erklärt Felix, der sich vor Kurzem das Logo des Clubs aufs Handgelenk tätowieren ließ, „weil wir in letzter Zeit so viel von zu Hause weg waren.“ In diesem Club können sich die Jungs von Anfang an ausprobieren, spielen erst vor Freunden und dann vor einem immer größer werdenden Publikum. Mit der Erfahrung und dem damit gesammelten Selbstbewusstsein gewinnen sie im Herbst 2010 den New Music Award unter anderem mit einem Song namens 'Scheissindiedisko'. Schön ironisch irgendwie, dass sie nur wenige Tage später im Rahmen der Popkomm ein Konzert im Berliner Magnet Club spielen, einem beliebten Indie-Laden der Stadt.
Hier gieren an diesem Abend diverse Plattenfirmen danach, die junge Band unter Vertrag zu nehmen. Bei ihrem Auftritt zeigen Kraftklub auch tatsächlich, was sie im Atomino bis zur Perfektion trainiert haben: Live einfach gerade durchzugehen, die Leute in kurzer Zeit willenlos zu machen und auf ihre Seite zu ziehen. Und das mit albernem Outfit und noch alberneren Brillen. Die Band wirkt enorm selbstbewusst, wie zufällig auf den ersten Blick, perfekt konzipiert auf den zweiten. Das gefällt den mittlerweile bestimmt schon ekstatisch sabbernden Labelabgeordneten. Am Ende fahren Kraftklub mit einem Plattenvertrag nach Chemnitz zurück und können kurz nach der ersten EP „Adonis Maximus“ mit ihrem Debütalbum beginnen.
UNTER DEN AUGEN DES GROSSEN KARL
Wir verlassen den Club, um uns Chemnitz' größte Sehenswürdigkeit zeigen zu lassen: den Bronzekopf des ehemaligen Namensgebers Karl Marx. Während die Jungs fürs Foto posieren, werden sie kritisch von den umstehenden Passanten beäugt. Je älter die Leute, desto missbilligender bohrt sich ihr Blick in die Szenerie: Fünf junge Männer im sportlichen Einheitslook marschieren vor einer Karl-Marx-Büste auf und ab. Die Jungs selbst lassen sich von alldem augenscheinlich nicht beirren. Sie sind weder zu schüchtern, noch zu erwachsen für jene Art von Unsicherheit. In musikalischer Hinsicht hat ihnen die Souveränität schon am Anfang ihrer jungen Karriere Vorbandjobs für die Beatsteaks, Fettes Brot und Casper eingebracht. Mittlerweile gehen sie selbst auf Tour und werden insgesamt weit über hundert Live-Shows gespielt haben, bevor ihr Debüt „Mit K“ überhaupt erscheint.
Bei ihrem neuen Album setzen Kraftklub auf altbewährte Muster: schnelle, eingängige Indie-Rock Songs, poppig genug, um dem Publikum den Tanz zu diktieren. Nichts Verwegenes. Ganz klar nichts Neues. Doch wen stört das schon?! Kraftklub stechen deutlich aus der breiten Masse heraus. Nüchterner Alltagshumor trifft auf jugendliche Leichtigkeit und mittelgroße Gefühle. Krampfhaft versucht hier niemand, ironisch zu sein, wenn doch, dann ist es dem Umstand angemessen oder richtet sich gegen den Vortragenden selbst. Der ist ja ein pfiffiger Typ. Und manchmal auch sensibel. Statt nur altklug in der Gegend herumzurappen, handeln Felix' Texte auch von Themen, die ihm näher an die Substanz gehen: „Schon auf unserer EP gab es ja dieses Liebeslied, also eher einen Song, der davon handelt, dass man seine Ex scheiße findet. Da hatte ich auf jeden Fall hart zu kämpfen, weil es mir erst zu persönlich und demnach peinlich war. (lacht) Mittlerweile ist das einer meiner Lieblingssongs auf dem Album. Wir haben jetzt den Mut dazu gefunden, nicht immer nur 'Scheissindiedisko'-Lieder zu machen. Ich finde es schade, wenn sich manche Bands nicht trauen, auch mal ernstere Songs zu schreiben. Aber klar, man will ja auch nicht in den Kitsch abdriften. Aber da gibt es einen Mittelweg. Ich finde es gut, dass wir uns davor bewahrt haben, die ewigen Klassenclowns zu sein“, sagt Felix und erklärt, dass im Song 'Melancholie' auch die Beziehung zu seinem verstorbenen Opa thematisiert wird: „Es geht darum, dass es zu spät ist, so normale Sachen zusammen zu machen. Ich weiß, dass mein Opa immer gehofft hat, wir würden mal eine Runde Schnaps zusammen trinken und über Frauen reden.“
Klangen Kraftklub auf ihren älteren Tracks stellenweise nach einer kumpelhaften K.I.Z.-Version, zeigen sie nun mehr von ihrer eigenen Persönlichkeit. Auch wenn sie sich musikalisch natürlich nicht zu knapp von Bands wie The Hives inspirieren lassen: „Wir reden öffentlich nicht gern darüber, welche Musik wir selber hören. Damit würden wir ja offenlegen, bei wem wir alles geklaut haben. Wir sind quasi der dritte Aufguss“, lacht Felix.
TROTZIGE VERLIERER, REALISTISCHE GEWINNER
Wir schlendern durch Brühl, eine ehemalige Fußgängerzone, in der heute fast gar nichts mehr passiert. Bedauerlich, denn dieser Ort könnte genauso gut auch schön und beliebt sein, wären nur Menschen unterwegs. In naher Zukunft soll hier allerdings das Atomino herziehen. Vielleicht ändert das ja etwas an der Tristesse, die hier momentan noch herrscht.
Was irritiert euch, wenn ihr Berlin besucht?
Felix: Heute wird man überall nicht nur als Felix, sondern als Felix von Kraftklub vorgestellt. Das war anfangs sehr ungewohnt. Wir haben uns diese Welt angesehen und es hat uns nicht gefallen. Deshalb haben wir richtig dafür gekämpft, nicht aus Chemnitz wegziehen zu müssen.
Ist es mittlerweile schwer für euch, die Leute herauszufiltern, die wirklich an eurer Person interessiert sind?
Felix: Wir wissen, dass es einen Unterschied gibt zwischen jener Welt und der echten. Man bekommt das schon mit, dass dich Leute ansprechen und plötzlich mit dir befreundet sein wollen. Ich habe mich auch mit Casper darüber unterhalten, dass die Freunde, die man hat, auch reichen. Meine Kumpels sind mir wichtig und mit denen möchte ich noch lange in Kontakt bleiben. Von denen weiß ich, dass sie mich lieb haben, nicht nur wegen Kraftklub.
Das gelingt nicht allen, die Bodenhaftung zu bewahren. Im Gegenteil.
Felix: Dann sind das arme Schweine. Jeder muss sich im Klaren darüber sein, dass dieses Leben nicht ewig so weitergeht. Wir sind froh, dass wir mit Anfang 20 die Chance bekommen, drei, vier Jahre Spaß zu haben, ganz viel live zu spielen und lustige Sachen mitzunehmen, die anderen Leuten möglicherweise verwehrt bleiben. So muss man da rangehen, sonst kommen dabei traurige Geschichten heraus. Ich will keine traurige Geschichte sein.
Ihr spielt ja mit dem Verlierer-Klischee von den Jungs aus Karl-Marx-Stadt. Habt ihr im Alltag gemerkt, dass von vielen noch immer ein Unterschied zwischen Ost und West gemacht wird?
Felix: Wenn wir früher im Urlaub waren und andere Kinder kennen gelernt haben, dann war man als Ossi immer direkt die Flasche. Als Ossi aus Chemnitz sowieso (lacht). Dabei wussten wir, dass die anderen alles Pfeifen sind und wir selbst viel cooler. Deshalb haben wir uns schnell dieses Trotzverhalten angeeignet: 'Ey, ich komm' aus der bekacktesten Stadt und bin immer noch ZEHNMAL cooler als du.' (lacht)
Was verbindet ihr durch die Erzählungen eurer Eltern mit der DDR?
Felix: Obwohl wir natürlich wissen, dass das ein scheiß System war, klingt es für uns irgendwie romantisch, dass man damals in der Kirche Punkkonzerte organisiert hatte, weil es sonst nicht erlaubt gewesen wäre oder wie sich unsere Eltern in diesen Künstlerkreisen kennen gelernt haben. Ich stelle mir vor, wie sie heimlich Flugblätter gegen das System gedruckt haben und dass es irgendwie besonders war, sich kollektiv gegen etwas auflehnen zu müssen.
Welche kindliche Illusion habt ihr mit dem Erwachsenwerden verloren?
Felix: Das war bei mir die Vorstellung, wie geil die Schule im Vergleich zum Kindergarten sein muss. In der dritten Klasse habe ich mir dann gesagt: 'Ich war so ein Idiot!'
Wart ihr schon immer eher extrovertiert?
Felix: Ich hatte damals ständig Probleme mit den Lehrern, die meinten, ich hätte einen schlechten Einfluss auf die anderen. Sie haben mir geraten, statt Scheiße zu bauen, könnte man ja mal gemeinsam Hausaufgaben machen. (lacht) Bei Till war es noch viel schlimmer.
Till: Ich musste Ritalin nehmen. Ich habe mich aber nicht immer daran gehalten und nach der Schule sofort mit den Tabletten aufgehört. Es gab aber andere, die später fast abhängig wurden, weil sie glaubten, ohne das Medikament nichts gebacken zu kriegen.
Beim Bundesvision Song Contest seid ihr kürzlich nur mit einem Bodypainting am Leib aufgetreten. Wie kamt ihr auf die Idee?
Felix: Wir hatten mal im Spaß gesagt, dass wir da nackt auftreten würden, dann kam tatsächlich die Einladung und wir mussten es irgendwie durchziehen. In einem Werbeprospekt von einem Autohersteller haben wir dann so Tussis gesehen, die sich mit einem Bodypainting auf der Motorhaube geräkelt haben. Die Vorstellung war lustig, das wollten wir auch.
Hättet ihr am liebsten aufgegeben, als ihr gemerkt habt, wie lange so was dauert?
Felix: Da nicht, aber am Abend zuvor, als wir alle Körperhaare entfernen mussten, zwei Stunden unter der heißen Dusche standen und uns ständig geschnitten haben.
Till: Ich frage mich auch, was die vom Hotel gedacht haben. Am Morgen war meine ganze Bettwäsche voller roter Flecken.
Wie gehen eure Eltern oder Freunde mit eurer aktuellen Lebensplanung um?
Felix: Die Generation unserer Eltern ist ein bisschen damit aufgewachsen, dass niemand das macht, was er gelernt oder studiert hat. Im Atomino arbeiten Leute, die haben ein Einser-Diplom in irgendwelchen absurden Fächern. Zukunftsangst ist in unserem Umfeld in Chemnitz nicht so ausgeprägt. Wenn's dumm kommt, arbeiten wir in zehn Jahren eben im Atomino.
Hat euch der Erfolg mit der Band selbstbewusster gemacht?
Felix: Ich glaube, ich hatte nie Probleme mit meinem Selbstbewusstsein.
Till: Wir fanden uns immer schon alle ganz schön cool (alle lachen). Weil wir Freunde sind.
Felix: Wir haben schon früher zusammen rumgehangen. und das machen wir jetzt noch, nur eben im Tourbus.
Zurück im Proberaum. Es ist mittlerweile Abend geworden. Ein Tag mit den fünf in ihrer Heimatstadt und eines ist gewiss: Die Band Kraftklub ist so, wie die Jungs, die dahinter stecken: lebhaft, witzig, clever, ungekünstelt und vor allem unterhaltsam – gern auch an der Stelle, wo es niemand direkt erwartet. Wem das jetzt zu euphorisch klingt, der sollte mal in einen leer stehenden Plattenbau mit ihnen klettern und sich bekehren lassen. Als wir uns schließlich von den Herren verabschieden, wollen sie erschöpft vom Tag ebenfalls den Heimweg antreten. Doch dann entdeckt Till den Kickertisch. Die Müdigkeit ist im Nu vergessen, das Spiel kann beginnen.
Fotos: Tim Klöcker
Heimat: myspace.com/kraftklubkombo
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