- Text: Timo Richard
- Fotograf: Erik Weiss
-
Galerie ansehen
Bloc Party
Neues aus Nerdistan
Irgendwie geht dann doch immer alles ganz schnell. In atemberaubender Geschwindigkeit haben sich Bloc Party vom Indie-Radio-Liebling zum internationalen Überact entwickelt, Platin eingesammelt, die Gitarren gegen Computer eingetauscht, Familien gegründet und Lieben verloren.
Mit ‘Intimacy’ schießt die Band nun, nur etwas mehr als ein Jahr nach ‘A Weekend In The City’, ein Album nach, das ein Faustschlag in die lederbejackten Magengruben all der spackigen Indie-Rocker ist, die es sich im Fahrwasser des emsigen Quartetts arschgemütlich gemacht haben. Den B-Promis der britischen Gitarrenband-Gemeinde sollte es zumindest angesichts der Innovationskraft und Originalität des neuen Bloc Party-Tonträgers die Schamesröte ins Gesicht treiben.
ANZEIGE
Für Kele Okereke (Gesang/Gitarre), Matt Tong (Schlagzeug), Russell Lissack (Gitarre) und Gordon Moakes (Bass/Gesang) könnte rein objektiv gesehen die Welt also in buntesten Farben erstrahlen. Begeisterte Fanscharen säumen ihren Weg, Preise und Auszeichnungen schmücken ihre Kaminsimse und überhaupt könnte alles rosiger kaum sein. Selbst im Rennen um den ‘Sexiest Vegetarian’-Award war Kele Teil der Spitzengruppe und wurde im Publikumsvoting nur von Bands mit internetsüchtigen Teenie-Fans vom Siegertreppchen gestoßen.
Um so befremdlicher wirkt das Bild eines mit hängenden Schultern und schwerem Gepäck die Straße kreuzenden Herrn Okereke, der sich offensichtlich hundemüde zum Interviewtermin schleppt. Der sonnige Spätsommermorgen in Berlin-Prenzlauer Berg verträgt sich scheinbar schlecht mit seiner Gemütslage. Ein junger Mann, dem das Zentrum des Solarsystems aus dem Heck scheint, sieht anders aus. „Ich bin definitiv jemand, der viel über Schlechtes nachdenkt“, wird Kele später zu Protokoll geben. Eine überraschende Erkenntnis ist das nicht: ‘Intimacy’ ist eine ähnlich witzfreie Zone wie die letzten beiden Bloc Party-Alben. Auch wer die ausufernd elektronische Interimssingle ‘Flux’ für einen gelungenen Scherz hielt, sollte sich das Lachen schnell verkneifen, immerhin wird der in ihr vorgegebene Schredder-Indie trifft Big-Beat-Sound auf Album Nummer Drei konsequent zur neuen Klangsignatur der Band verarbeitet. Die hermetisch abgeschlossene Kühle des neuen Klanggewands wird textlich allerdings mit einer menschlichen Wärme ausgekontert, die man von Bloc Party bisher nicht gewohnt war. Ein Großteil der Lieder auf ‘Intimacy’ befasst sich mit persönlichen Niederlagen und dem Schmerz einer erloschenen Liebe, es wird gemenschelt wie nie zuvor. Im Gegensatz zum Vorgängeralbum ‘A Weekend In The City’, auf dem Okereke textlich noch an gesellschaftlichem Sprengstoff wie Rassismus, Kriegstreiberei oder Drogenmissbrauch herumzündelte, ist die neue Langspielplatte nämlich – nomen est omen – weitaus intimer geraten.
War die persönlichere Perspektive der Texte von Anfang an beabsichtigt?
Kele: Die letzte Platte war so nach außen gewandt, dass ich das Gefühl hatte, es wäre an der Zeit, mal wieder nach innen zu schauen. Ich hatte auch die Schnauze voll davon, ständig zu erklären, was meine Texte bedeuten sollen. Wenn du deine Meinungen in Songs packst, werden sie schnell aus ihrem Kontext gerissen. Meine Ansichten sind oft manipuliert und falsch wiedergegeben worden. Es war ein Selbstschutz, andere Themen zu wählen. Als ich die Songs geschrieben habe, gab es aber keinen größeren Plan. Ich hatte gerade eine ziemlich schmerzhafte Trennung hinter mir und wahrscheinlich drehen sich deshalb die meisten Lieder um das Thema Liebe.
Dann wird die Liebe auf „Intimacy“ aber als eine sehr komplizierte Angelegenheit dargestellt...
Kele: Liebe ist kompliziert! Gerade in Zeiten, in denen es nur noch darum geht, für sich selbst das beste rauszuholen, fällt es den meisten Leuten schwer, etwas von sich herzugeben. Viele meiner Freunde sind zwei Jahre mit jemandem zusammen und ziehen dann die Reißleine, weil sie das Gefühl haben, dass sie stagnieren. Wenn du jemanden lieben willst, kann es aber nicht immer nur um dich gehen. Meine Eltern sind seit 30 Jahren verheiratet. Das war sicher auch nicht immer lustig, aber so ein Beziehungskonzept wirkt heutzutage doch völlig verrückt.
Sind Beziehungen denn Gift für die Liebe?
Kele: In gewissem Sinne schon. Man trennt sich und vergisst, dass die Liebe bleibt, auch wenn man die andere Person gerade nicht sehr aufregend findet. Das ist mir so erst einmal passiert, aber ich hoffe, beim nächsten Mal weniger selbstsüchtig zu sein, wenn es mir ähnlich geht. In Zeiten, in denen äußere Dinge emotional meist nicht befriedigend sind, hilft die Liebe, ein Leben zu führen, das sich sinnvoll anfühlt.
Die güldene Herbstsonne in Kele Okerekes Rücken unterstreicht nur, was nach wenigen Gesprächsminuten bereits feststeht: Der sportliche Sänger mit der roten Schirmmütze ist ein weitaus ätherischeres Wesen als sein gepflegtes Äußeres vermuten ließe. Still Kele from the Bloc also. Sinnierend hockt er auf der Stuhlkante und betrachtet seine Handflächen, als gehörten sie nicht zu ihm. Er hat sich selbst etwas schwermütig geredet.
Zeitgleich kauert sein Gitarrist Russell Lissack unbeweglich in der Ecke, versucht sich als Möbelstück zu tarnen und starrt auf seinen Laptop. Den Interviewtag lässt er - von dicken Kopfhörern und seiner mittlerweile als „blochead“ popkulturell verwursteten Indie-Tolle abgeschirmt - an sich vorbeirauschen und ignoriert beharrlich den durch die eigens angemietete Wohnung rumpelnden Journalistenpulk. Lissack, so geht die Mär unter den Schreibern, gebe nur noch Gitarren- und Vegetariermagazinen Interviews. Noch so’n Nerd…
Der Fluch der Innovation
Das gewisse Hornbrillen-Flair umweht Bloc Party nicht erst seit die Geblöder Gallagher mit schöner Regelmäßigkeit Intellektualitäts-Schmährufe via britische Fachpresse in ihre Richtung schicken. Man gibt sich schüchtern in der Öffentlichkeit, bedient Hotelfernseher sachgemäß, erscheint pünktlich zu Konzert- und Promoterminen und würde auf dem Schulhof wahrscheinlich gnadenlos vermöbelt. Der rasante Aufstieg der Band scheint tatsächlich weniger mit Glück und großer Fresse als mit der Tatsache zu tun zu haben, dass man sich sowohl jede musikalische Weiterentwicklung wie auch jeden nächsten Karriereschritt lange überlegt hat. Die vier Londoner sind eben keine ehemalige Schülerband, die ohne recht zu wissen, was vor sich geht, plötzlich im Rampenlicht steht. Nur Okereke und Lissack kennen sich länger, als die Band 2003 von BBC-DJ Steve Lamacq zum nächsten großen Ding gekürt wird. Gordon Moakes stößt erst über eine Anzeige im Hype-Fachblatt NME zur Band und auch Matt Tong muss sich durch das klassische Proberaum-Casting kämpfen, bevor 2002 die Bloc Party in ihrer jetzigen Inkarnation feststeht. Allein die Wahl des Bandnamens zieht sich über mehrere Jahre hin und fällt laut Kele letztlich doch nur auf den Vorschlag, den alle Beteiligten am wenigsten bescheuert finden. Eine Tendenz, die Dinge zu zerdenken, kann den vier Herren demnach kaum abgesprochen werden. Und trotzdem lohnen sich die kleinen grauen Zellen irgendwie, immerhin wird mittels ihrer Hilfe der übertriebene Arbeitseifer der Band in geordnete Bahnen gelenkt. Mit ‘Intimacy’ legen Bloc Party nach ‘Silent Alarm’ (2005) und ‘A Weekend In The City’ (2007) das dritte Album in vier Jahren vor, und klingen schon wieder anders. Der Fluch der Innovation klebt an der Band: „Wir haben eine andere Herangehensweise an Musik, weil wir nicht in Schubladen denken und uns von anderen Genres inspirieren lassen“, erklärt Kele. „Ich höre wenig Gitarren-Musik. Wenn wir nur ein Prozent des Reizes einer Missy Elliott-Platte auf eins unserer Alben quetschen können, klingen wir gleich nicht mehr wie eine gewöhnliche Gitarrenband.“
Auch in Sachen Distribution beschreitet man neue Wege: In Byte-Form ist das neue Album bereits seit August erhältlich, zum Erscheinen des physischen Tonträgers ist ‘Intimacy’ also irgendwie schon eine olle Kamelle. Ein weiterer wohl durchdachter Zug, denn mit der vorzeitigen digitalen Veröffentlichung sind Bloc Party dem vorhersehbaren Leak und damit all jenen zuvorgekommen, denen die eigene digitale Sammelwut mehr am Herzen liegt als das Wohlergehen der Lieblingsband. Zwar fällt die Veröffentlichung weniger demokratisch aus als Radioheads ‘In Rainbows’, weil sie zum Festpreis durch die Datenleitung geschickt wird, wurde dafür aber umso spektakulärer nur 48 Stunden im Voraus angekündigt. Ok, Computer-affin sind sie auch noch.
Der allgemeine Trend geht im Hause Bloc Party trotz aller verquasten Superhirn-Anleihen allerdings zur Bodenständigkeit. Matt Tong ist bereits seit 2006 verheiratet, Russel Lissack hat den Wedding Planer für dieses Jahr bestellt und Gordon Moakes gönnte sich im Sommer eine sechswöchige Babypause, um bei der Geburt seiner Tochter Scarlet dabei sein zu können. Der frisch gebackene Vater empfängt rockstarlike in seinem Schlafzimmer. Anstatt sich stilecht im Bett zu platzieren, faltet sich Gordon aber doch lieber auf einem Stuhl zusammen.
In Bed With Gordon
Rockstars sehen anders aus. Mit 32 ist der schlaksige Gordon Moakes ‘Bandopa’, und in dieser Funktion offensichtlich für die Erdung des Projekts Bloc Party zuständig. Weitaus offener als seine Bandkollegen im Nebenzimmer berichtet er über den familienfreundlichen Arbeitsplatz Rockband:
Ein typischer Tag zwischen zwei Touren besteht hauptsächlich daraus, dass du mit einem enormen Jet-Lag kämpfst, ständig zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten aufwachst und keine Ahnung hast, was los ist. Mit einem Baby ist das sehr ähnlich, aber du hast wenigstens etwas zu tun, wenn du um vier Uhr nachts aufwachst. Ich verbringe die Zeit zwischen zwei Touren sehr häuslich. Ich bin froh, wenn ich meinen Tee und meinen Toast habe. Gewohnte Dinge sind mir sehr wichtig.
Wie war die Babypause für dich?
Gordon: Als die drei anderen ohne mich losgefahren sind, war das sehr merkwürdig. Matts Glückwunschmail zur Geburt kam aus Japan, mit dem Zusatz, er sei vollkommen neben der Spur. Das war schon schräg, aber seit diesem Zeitpunkt hatte ich auch kaum noch Zeit, mir darüber Gedanken zu machen.
Seid ihr andere Menschen, wenn ihr auf Tour seid?
Gordon: Ich glaube schon, aber das hat viel mit Alkohol zu tun. Du hängst einfach stark an den Lebensumständen, die eine Tour mit sich bringt. Nach einem Konzert fällt die Anspannung von dir ab und du wirst automatisch offener und überdrehter. Zu Hause bin ich ein sehr organisierter Typ, verliere aber auf Touren ständig wichtige Dinge wie meinen Pass oder mein Handy. Außerdem werde ich sehr, sehr griesgrämig, wenn ich nicht genug Schlaf kriege und davon kriegst du auf Tour selten genug.
Habt ihr bestimmte Strafen für Tourvergehen?
Gordon: Wir sollten welche haben, das würde sich auch finanziell lohnen. Irgendwie belassen wir es doch meist dabei, uns zu verarschen.
Was hat sich bei den Aufnahmen zu ‘Intimacy’ bandintern geändert?
Gordon: Der größte Unterschied war, dass traditionell die Songs zwischen uns vier hin und her gereicht wurden, wir diesmal aber auf die ganze Demophase verzichtet haben. Wir haben einfach aufgenommen, während wir die Lieder geschrieben haben, und dann viel am Computer produziert. Es war bei dieser Platte wichtig, sich gegenseitig mehr Raum zu geben und sich in Ruhe zu lassen. Am Ende war es auch gar nicht so kompliziert, nicht ständig im Studio dabei zu sein und die Dinge einfach geschehen zu lassen. Außer Kele hatte im Endeffekt niemand einen Plan, wie die Platte am Ende klingen würde.
Da klingelt doch wieder das Autismus-Glöckchen.
Einer deiner Bandkollegen hängt an einer Klippe und droht abzustürzen. Was tust du?
Kele: Je nachdem, wer es ist, trete ich auf seine Finger oder versuche ihn hochzuziehen.
Auch ein Kele Okereke kann manchmal ganz schön unsensibel sein. Allerdings ist rationalistische Arbeitsteilung in einer mit eigenwilligen Charakteren gespickten Band wie Bloc Party wahrscheinlich die Waffe der Wahl, um tiefgreifendere Konflikte zu vermeiden. Sich nach monatelangem Dauertouren auf die Eier zu gehen, gehört nun mal zu einem geregelten Bandleben wie der Taschenrechner zum Klassenprimus.
Dass der gemeinsame Weg auf den zarten Seelen der Gitarren-Pop-Wunderkinder bereits die ein oder andere sichtbare Schramme hinterlassen würde, war dementsprechend wohl klar. Die nächsten Monate werden also zeigen, ob es bei Kollateralschäden im Bandgefüge bleibt. In welcher Besetzung auch immer, der vier Alben umfassende Plattenvertrag garantiert zumindest noch eine musikalische Neuerfindung der Band, auf die das Publikum gespannt sein darf. Ansonsten gilt wohl: Nerds will be Nerds.
