- Text: Christine Stiller
- Fotograf: Erik Weiss
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The Killers
Schein oder nicht Schein
Auf der Bühne wird seit jeher gelogen, denn Menschen neigen dazu, die Dinge größer und bedeutender sehen zu wollen, als sie in Wirklichkeit sind. Surreale Bestzeiten im Olympiastadion, perfekt anmutende Körper im Hollywoodfilm oder das unnahbare, vor Selbstvertrauen berstende Überindividuum im strahlenden Lichtschein einer amerikanisch inszenierten Bühnenshow. Alles Illusion. Die Killers aus Las Vegas sind auch so ein Bluff oder - wie Sänger Brandon Flowers in seinem ersten Indie-Superhit ’Mr. Brightsight’ stellvertretend selbst gestehen würde: „It‘s all in my head.“
’Day And Age‘, das neue und mittlerweile dritte Studioalbum, ist zwar erst zur Hälfte fertig gestellt, trotzdem laden The Killers im September schon den dritten Tag in Folge eine unüberschaubare Journalistenhorde zum Promotermin in die heiligen und vor allem teuren Hallen des Londoner St. Martin‘s Lane Hotel. Diese so hemmungslos abgefeierte Kapelle mal von einer anderen Perspektive als der des realitätsflüchtigen Zuschauers zu betrachten, könnte für den einen oder anderen Besucher dabei glatt zu einer Identifikationskrise führen. Außerhalb ihres allabendlichen Lebensraumes umhüllt von Glitzerschwaden und Rockstar-Attitüde ist der Anblick der Killers-Einzelteile ein wenig mit der Filmszene in ’Der Zauberer von Oz‘ zu vergleichen, als klar wird, dass die magische Inszenierung lediglich einem kleinen Mann mit einem Mikrofon anzukreiden war. Ein unbefriedigender Ausgang, schließlich stürzen wir die Menschen auf Bühne und Leinwand nicht gerne vom Thron - oder?
Sänger Brandon Flowers muss man in der riesigen, ganz in weiß und gelb-grün gehaltenen Designer-Suite erst einmal orten. Ein recht kleiner, zierlicher Junge mit großen dunkelbraunen Unschuldsaugen, der fernab von Fotos und Videoclips tatsächlich wie der erst 27-Jährige aussieht, der er wirklich ist.
Brandon begrüßt uns mit scheuem Blick und einem perfekt gebleichten, aber stets unsicheren Lächeln. Nervös mit den Füßen wippend, verharrt Brandon auf dem strahlend weißen Sofa, so wie ein achtjähriger Junge, der sich, statt endlich mit dem neuen Lego-Bausatz spielen zu dürfen, schüchtern zwischen zwei fetten Großtanten eingekeilt fiesen Wangenkneifern und lästigen Fragen zum Leidthema Schule aussetzen muss. Das unnahbare Selbstvertrauen hat Mr. Flowers ganz offensichtlich am letzten Backstage-Eingang zurückgelassen. Hier und heute grüßt das echte Leben, und in diesem kämpft er mit mangelnder Sicherheit und versucht gleichzeitig streng darauf zu achten, wem er was erzählt.
Während Brandon auf der Bühne schon seit den ersten Shows zum Killers-Debüt ’Hot Fuss‘ nach außen selbstverliebt und unantastbar wie die Sammlung Britischer Kronjuwelen wirkt, sieht die Welt unter der schillernden Rockstarschale anders aus. So gestand der Sänger kürzlich gegenüber seinem geliebten Feind, dem englischen NME Magazin, dass er an einer permanenten Persönlichkeitskrise zu knabbern habe. Auf unsere Frage, wie er selbst sein Bühnen-Ich und sein Alltags-Ich charakterisieren würde, antwortet der ziemlich wortkarg agierende Flowers: „Wenn ich nicht auf der Bühne stehe, fühle ich mich auf vielerlei Arten unwohl, auf der Bühne hingegen komme ich mir vor wie King Kong. Im Gegensatz zu mir haben manche Menschen einfach auch im wirklichen Leben ein Selbstvertrauen, von dem ich echt nicht weiß, wo es herkommt.“
Seinem Kollegen und Gitarristen Dave Keuning, der sich später an diesem Tag ebenfalls unseren Fragen stellen wird, geht es derweil nicht besser: „Der Größenwahn hört normalerweise schon am Bühnenrand wieder auf. Ich habe nicht all zu viel an Selbstvertrauen, aber vor zehn Jahren hatte ich fast gar keines. Jetzt kann ich also wenigstens auf ein bisschen davon zurückgreifen. Ich bin noch immer ziemlich schüchtern, im Gegensatz zu unserem Drummer Ronnie. Deswegen überlassen wir auch gerne ihm das Reden.“
Am Beispiel jener scheuen Prachtexemplare wird deutlich, dass es verschiedene Arten gibt, mit einem akuten Mangel an Selbstbewusstsein umzugehen. Die Killers gehören nicht zu den Lauten, Marke abgehalfterter Alt-Punkrocker, die sich stets und ständig mit Kodderschnauze und antrainierter Überheblichkeit in die Rolle des Besserwissers vorprügeln und dort verteidigen müssen. Im Falle von Brandon Flowers und Co. scheint sich die Sache mehr in Zurückhaltung und dem Wunsch nach absoluter Kontrolle zu äußern. Als wir Brandon beispielsweise bitten, uns spontan ein paar Fragen für sally*sTV zu beantworten, kann man ihn laut denken hören: „Ich weiß nicht, ob das richtig ist.“
Die Vorsicht scheint nicht unbegründet zu sein, schließlich gab es in der Vergangenheit auch schon einige verbale Ausfälle von seiner Seite, die man dem so angenehm ruhig wirkenden Herren gar nicht zugetraut hätte: Labelkollegen wie Fall Out Boy seien mit ihrem Emo-Gehabe „schlecht für die Jugend“, die auf der Killers-Erfolgswelle unsportlich hinterher paddelnden The Bravery so etwas wie „billige Nachmacher“ und die Jungs von Green Day sollten es nun wirklich besser verstehen, sich in Szene zu setzen, als allerorts diese „Anti-Amerika“-Kuh zu melken. Für die meisten dieser, vor allem von der englischen Presse dankbar bis zum Anschlag hochgejubelten Kränkungen hat sich Brandon offiziell entschuldigt. Man habe nichts gegen Fall Out Boy oder The Bravery, man sei nur - nun ja - ein wenig eifersüchtig gewesen. Vor solchen menschlichen Minderwertigkeitsgefühlen ist man also offenbar auch nach zahllosen Konzertauftritten, zwölf Millionen Plattenverkäufen und Rückenstärkung von Elton John und Bono nicht gefeit.
Nötig hätten die vier Jungs ihre Unsicherheiten aus beruflicher Sicht wirklich nicht. Auch wenn die Karriere der Killers irgendwie zu schnell explodierte, als sich in Ruhe entwickeln zu können. Der Stern des Quintetts um Brandon Flowers, David Keuning, Ronnie Vannucci und dem immer extrem aristokratisch wirkenden Bassisten Mark Stoermer erstrahlte international erstmals im Jahre 2004. Nachdem Brandon auf Daves Bandkollegengesuch in einer lokalen Zeitung einging und die beiden bald drauf Ronnie und Mark dazu rekrutierten, begannen die Jungs ab 2001 also die ersten Babyschritte gen Rockstar-Karriere zu machen.
Nur drei Jahre später war nach der Veröffentlichung ihres Debütwerks und der euphorischen Zuneigung des englischen Publikums der Hype ganz klar auf ihrer Seite. Mit dem richtigen Händchen für den perfekten Refrain und einem Sound, der sein britisches Erbgut gar nicht erst leugnen möchte, eroberten sie nicht nur die Insel, sondern auch den Rest des Planeten im Sturm. The Killers sind eben besonders, und dabei irgendwie seltsam ambivalent und schwer zu etikettieren. Sie wirken clever und naiv zugleich. Pop-musikalische Leichtfüßigkeit trifft auf dicken Drama-Rock. Unterhaltsam akzentuierter Glamour paart sich mit epischem Bombast und an Schlager grenzendem Kitsch. Textzeilen wie „Somebody told me you had a boyfriend who looked like a girlfriend that I had in February of last year...“ klingen für den einen genial, während sich die anderen wohl immer noch fragen, wie man mit so viel Sinnlosigkeit so fette Lorbeeren einheimsen kann.
Jemand hat euch mal als „ungewollt komisch“ bezeichnet.
Dave: Ich schätze, das ist fair. Jeder einzelne von uns hat etwas Lustiges an sich, aber was das nun unterm Strich ist, sehen andere von außen wohl besser.
Und das ganze Drama, ist das echt?
Dave: Manchmal ja. Ich beobachte uns nicht von der Warte aus, also ist es wohl in Ordnung zu sagen, dass das unbewusst passiert.
Sind die Killers Teamspieler?
Dave: Die meisten Entscheidungen, die die Band betreffen, werden im Team gefällt. Doch manchmal muss einer der „Bestimmer“ sein, zum Beispiel wenn es um eine Idee für ein Video geht, übernimmt Brandon gern mal die Führung. Wenn die anderen die Idee allerdings nicht mögen, haben wir ein Problem.
Seht ihr euch eigentlich als Kollegen oder Freunde?
Dave: Ich betrachte uns als Brüder. Brüder mögen sich nicht immer (lacht). Aber sie können einen Streit auch ganz schnell beilegen und sich am nächsten Tag wieder gut verstehen. Es gestaltet sich normalerweise schwierig, vier verschiedene Persönlichkeiten unter einen Hut zu bekommen, da ist das eine gute Ausgangssituation.
Nach ’Sam‘s Town‘ aus dem Jahre 2006 und der anschließenden B-Seiten-Kollektion ’Sawdust‘, für die man sogar den großen Lou Reed zu einer Zusammenarbeit überreden konnte, steht mit ’Day And Age‘ das sehnlichst erwartete neue Album der Band in den Startlöchern. Optisch haben sich die Jungs seit ’Sam‘s Town‘ in jedem Fall verändert. Doch auch ein Doppelkinn (Dave) und einen Schnauzbart (Brandon) weniger ist der fragwürdige Klamottenstil offensichtlich erhalten geblieben. Keine Ahnung, wie weit man in Vegas mit der grell-lila Hose, die da aus Dave Keunings hektisch zusammengestopftem Koffer lugt, kommen kann. In unseren Breiten muss man beim Anblick seines eigenwilligen Aufzuges noch immer dreimal kräftig blinzeln. Spiegelt sich der überdrehte Look auf Pressebildern und Bühne auch in den neuen Songkreationen wider? In Anbetracht der ersten Hörproben ist man fast genötigt, ja zu sagen. Die Killers scheuen sich nicht, in ihrem erstmals von Stuart Price (Madonna u.a.) produzierten Album eine ganze Wagenladung instrumentaler Gimmicks und Achtziger-Sounds aufzufahren und rammen dabei, wie schon am Beispiel der ersten Single ’Human’ deutlich zu hören, wenigstens kurz mal die eigentlich unantastbare Geschmacksmauer zum Eurovisionsschlager. Eine knuffige Saxophoneinlage? ’Joy Ride‘ und ’I Can‘t Stay‘ halten gerne her. Ein paar sonnige Karibikklänge obendrauf? Wieso nicht auch das?! Böse Zungen behaupten sogar, die Killers seien auf gutem Wege, langsam aber sicher wie die späten, eher gewöhnungsbedürftigen Queen zu klingen. Müssen wir uns etwa Sorgen machen?
Die Platte scheint mit dicken Extras gespickt worden zu sein. Was macht sie aus?
Brandon: Sie ist sehr abenteuerlustig und rast von der Wüste in den Dschungel rauf zum Mars - wir haben sie durchs ganze Universum geschleift, schätze ich. Die Tracks sind an den verschiedensten Orten im Rahmen unserer „Sam‘s Town“-Tour entstanden. Den Song „Spaceman“ haben wir zum Beispiel in Panama geschrieben und „I Can‘t Stay“ in Budapest.
Inwieweit kommt „Day And Age“ mit „Hot Fuss“ und „Sam‘s Town“ zusammen?
Dave: Vieles darauf ist komplett neu. Es gibt ein paar Dance-Aspekte, die auch auf „Hot Fuss“ sein könnten. Der Track „A Dustland Fairytale“ ist sehr episch und hätte demnach auch gut auf „Sam‘s Town“ gepasst, obwohl ich denke, dass „Day And Age“ generell anders und besser ist. Songs wie „I Can‘t Stay“ und „Joyride“ haben wir zuvor so noch nie gemacht, das sind verspielte, tropische Rock-Songs.
Ihr habt auch Streicher aufgefahren.
Dave: Streicher und ein Saxophon... Ich spiele erstmals eine Gitarre mit Nylonsaiten, das wollte ich immer schon.
Man konnte lesen, dass ihr mit „Sam‘s Town“ eine der wichtigsten Platten der letzten 20 Jahre geschaffen haben wolltet. Soll „Day And Age“ da den Anschluss finden?
Dave: Ich würde das zurücknehmen und sagen, dass wir nie versucht haben, „Sam‘s Town“ so zu klassifizieren. Brandon wurde wohl ein bisschen missverstanden und die Aussage aus dem Kontext gerissen.
Apropos „aus dem Kontext reißen“. Im vergangenen August präsentierte der Bravo-Bild-Hybride für Indie-Kids, der bereits erwähnte NME, nach einem exklusiven Interview mit der Band zwei fett gedruckte Aussagen, die Brandons unvorsichtigen Mund verlassen haben sollen. Zum einen ging es darum, dass er sich politisch gesehen nicht wie die meisten Rockstars links positionieren würde, sondern eher „in der Mitte“ zu finden sei. Zum anderen befasste man sich in dem Interview, das eigentlich von der Arbeit rund um die neue Platte handeln sollte, mit der Ansage des jungen Vaters, dass er seiner Frau und seinem kleinen Sohn aus Sicherheitsgründen am liebsten eine Waffe hinterlegen würde, wenn er nicht zu Hause sei. Tja, Pech gehabt: Auch wenn Politik wohl das letzte sein dürfte, woran man beim Anblick des Vegas-Ensembles denken mag, hat der NME mal wieder auflagesteigernd zugeschlagen. Wie bleibt man in diesem „Schizo-Zirkus“ noch normal?
Was denkst du darüber, dass die Magazine, die euren Erfolg vorantreiben, gleichzeitig immerzu versuchen, euch bloßzustellen?
Dave: Diese Magazine wollen immer etwas Politisches herausfinden und ganz ehrlich, das nervt! Der NME kam extra nach Vegas, um uns einzeln zum neuen Album zu interviewen und in der Mitte jedes Gesprächs kam dann die Frage: „Du hasst doch George Bush, oder?“ Selbst wenn es so wäre, das sollte doch nicht Sinn und Zweck des Artikels sein. Wir wollen in keiner politischen Schublade landen.
Welche anderen gefährlichen Stolpersteine lauern sonst noch im Musikbusiness?
Dave: Drogen sind wohl so ziemlich das einzige, was man als gefährlich betrachten kann. Ich weiß, es soll ja momentan irre hip sein, das Zeug zu nehmen, alle lieben Pete Doherty, weil er ein Junkie ist - darin liegt ja sein Erfolg begründet. Ich meine, ich probiere auch mal was, habe aber keine Lust darauf, abhängig zu sein und meine ganze Kohle für Koks zu verprassen. Menschen sollten nicht abhängig sein und auch nicht von anderen Versagern dazu animiert werden, es sein zu wollen.
Brandon, du bist ja sehr religiös, wie verträgt sich das mit deinem Leben als Rockstar?
Brandon: Ich schätze, das Aufwachsen in Vegas hat mich darauf vorbereitet, all die Verlockungen ausgleichen zu können. Hätte ich die Teenager-Zeit woanders verbracht, wäre ich heute sicher schon über Bord gegangen.
Wenn du dich selbst mit den Augen deiner Ehefrau betrachten könntest. Was würde sie sagen, wie hast du dich durch den Erfolg verändert?
Brandon: (lacht) Ich glaube nicht, dass sie meint, dass ich mich sehr verändert habe. Und sie denkt gewiss nicht, dass ich so toll bin, wie unsere Fans vielleicht meinen. Ich selbst mag den Gedanken, dass ich immer noch der Selbe bin. Die Vaterschaft hat mich aber verändert, ich bin jetzt weniger egoistisch als früher. Alles, was ich tue, betrachte ich nun mehr im Sinne meines Sohnes, so ist alles ein bisschen weniger Rock‘n‘Roll.
Hätte man schon früher ahnen können, wo du einmal landen würdest?
Brandon: (lacht) Nein, ich denke, die Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, haben definitiv nicht mit sowas gerechnet!
Da hätten wir es wieder. Und um ganz ehrlich zu sein, allzu viel scheint sich nicht geändert zu haben. Ein zufälliges Treffen mit Dave und Brandon an der Supermarktkasse und man würde ihnen so ziemlich alles unterstellen, nur nicht das, was sie wirklich sind - in ihrem Bühnenleben. Mit ’Day And Age‘ will die ehrgeizige Kapelle nun weiter den Rock-Olymp empor klettern. Für ein paar Stunden werden sie wieder jeden Abend in ihrer und unserer Fantasie zu diesen großspurigen Showmaschinen im federbesetzten Rockstar-Jäckchen, um sich nachher wahrscheinlich gleich wieder scheu und hastig von all dem Trubel zu entfernen.
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