ME FIRST AND THE GIMME GIMMES
HIPPIES HATE WATER
Wenn meine Mama und ich früher auf dem Weg zum Spielplatz waren, dann mussten wir immer einen großen Bogen um die am Springbrunnen versammelten Punks machen. Mit denen dürfte ich nie, nie, nie was zu tun haben, hat sie immer gesagt, die sind bäh. Das habe ich ihr auch geglaubt, damals. Letztes Wochenende habe ich ihr die neue Platte von ME FIRST AND THE GIMME GIMMES vorgespielt, und die fand sie klasse. 'Das ist ja 'ne tolle LP', hat sie gesagt, 'da sind alle Hits meiner Jugend drauf. Wie heißen denn die?' 'ME FIRST AND THE GIMME GIMMES, Mami, und das sind Punker.' 'Ach was', sagte sie, 'und die können so gut Gitarre spielen?' Mama ...
Meine alte Lady stammt eben aus einer Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war, als Musik noch von sauberen, netten jungen Männern gespielt wurde, und ein gemeinsamer Tanz bereits als Heiratsversprechen galt. Heute nennt man diese Songs 'Oldies', und was die Supergroup des PunkRock aus diesen Hits der 50er und 60er Jahre machte, trotzt allem bisher Dagewesenen. ME FIRST AND THE GIMME GIMMES, die fünf 'Gutter Punks' aus San Francisco, interpretieren auf 'Blow In The Wind' die Jugendhymnen unserer direkten Vorfahren auf ihre - unsere - Weise, und das gefällt. Uns, und unseren Eltern. Album Nummer drei des Allstar-Teams um Fat Mike (NOFX), Joey Cape & Dave Raun (LAGWAGON), Chris 'Jackson' Shifflet (Ex-NO USE FOR A NAME, jetzt FOO FIGHTERS) und Spike Slawson (SWINGIN' UTTERS) verschmilzt frühen Rock'N'Roll mit straightem MelodyPunk und enthält tiefergelegte Versionen von 'Stand By Your Man', 'Blowin' In The Wind', oder Del Shannons 'Runaway'. Diese Platte killt, killt, killt, und wer die fünf in alle Himmelsrichtungen verstreuten Punkrocker von ME FIRST AND THE GIMME GIMMES kennt, der weiß, dass die Motivation hinter diesem Album nur eine sein kann: Spaß. 'Wir haben für die Platte kaum geprobt', sagt Gitarrist Chris 'Jackson' Shifflet, 'weit weniger als noch für 'Are A Drag'. Im Anschluss an die Proben ging ich mit den FOO FIGHTERS auf Tour und als ich zurückkam, hatte ich all meine Parts wieder vergessen. Aber so sind wir GIMME GIMMES eben: schlampig. Und das soll auch so sein.' Zu jedem neuen Album lassen sich ME FIRST AND THE GIMME GIMMES auch ein jeweils neues Konzept einfallen. War das vor vier Jahren mit 'Have A Ball' noch die Singer/Songwriter-Ära der frühen 70er, so orientierte man sich 1999 mit 'Are A Drag' ausschließlich an Musicals, was bei den Fans des Debütalbums weit weniger gut ankam. Man musste schon Broadway-Kenner sein, um Songs wie 'Evita' oder 'Phantom Of The Opera' so spontan und aus dem Bauch heraus mitträllern zu können, und davon gab es nur Wenige. 'Ich glaube, dass kaum jemand 'Are A Drag' verstanden hat', sagt Chris. 'Wahrscheinlich weil sie alle nicht so große Musical-Fans sind wie Spike. He's gay, y' know!? Die Popsongs der 60er eignen sich viel besser für die GIMME GIMMES, sie sind PunkRock sehr ähnlich.' Highlight von 'Blow In The Wind' ist die Version von Scott McKenzies 'San Francisco'. Den Inbegriff des Peace & Love-Spirits der späten 60er machten die GIMMES zu IHRER Hymne, zum Punksong, und klauten den Hippies damit ihr größtes Heiligtum. Chris, der in seiner Freizeit gerne mal ein paar Langhaarige in San Franciscos Haight Street aufmischt, hat keine Angst vor möglichen Racheakten seitens der Blumenkinder: 'Wir werden sehen, wie die LSD-Freaks auf unsere Interpretation ihres Songs reagieren', sagt Chris, 'denn das Album ist noch nicht veröffentlicht. Aber wahrscheinlich werden sie es nicht einmal merken ...' Als Fat Mike vor vier Jahren die Idee hatte, den Hits der 70er und 80er mit Hilfe seiner Kumpels neues Leben einzuhauchen, war im Terminkalender der einzelnen Mitglieder noch wesentlich mehr Freizeit vorhanden, als das jetzt der Fall ist. Fat Mike hat heute mit NOFX und 'Fat Wreck Chords' alle Hände voll zu tun, Joey Cape frönt seiner Leidenschaft für experimentelle Musik mit BAD ASTRONAUT und Chris Shifflet betourt mit den FOO FIGHTERS die Welt. Außerdem ist er mit seinem Umzug nach New York auch dem vertrauten Umfeld entflohen, was er aber als nötigen Schritt erachtet: 'Ich brauchte einfach eine andere Umgebung', sagt er, 'ich wollte schon immer in NYC leben und jetzt hat sich eben die Möglichkeit ergeben. Aber die Ost- und Westküste sind so weit voneinander entfernt, dass man das Gefühl hat, man lebt in verschiedenen Ländern. Ich liebe New York, aber ich vermisse auch den Strand.' Seine Freundschaft zu den ehemaligen Bandkollegen von NO USE FOR A NAME, die ihm den Ausstieg zugunsten der FOO FIGHTERS nie zum Vorwurf gemacht haben, bezeichnet Chris noch immer als 'sehr eng und auch wenn momentan noch nicht absehbar ist, ob er eine seiner Eigenkompositionen auf dem nächsten Album der FOO FIGHTERS unterbringen kann, so bleibt er doch beiden Lagern erhalten: ME FIRST AND THE GIMME GIMMES und den FOO FIGHTERS. Die könne beide gut Gitarre spielen ... (flo)
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