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MANIC STREET PREACHERS
HIGH FIDELITY


Gestartet als junge Kulturterroristen Ende der 80er predigten die MANICS seit jeher für den kleinen Mann auf der Straße, für die Working Class. Mit einer großen Portion Selbstüberschätzung und Größenwahn provozierten sie in Brautkleidern oder androgynen Tigerhosen, wollten alles oder nichts. Um einige Jahre reifer, und doch so jung wie nie, präsentieren die drei Waliser ihr neues Album 'Know Your Enemy' - in Turnschuhen und Jeans.
Schon als Kinder waren James Dean Bradfield (Gesang/Gitarre), Sean Moore (Schlagzeug), Nicky Wire (Bass) und Richey Edwards (Gitarre) befreundet und wuchsen zusammenn im südwalisischen Städtchen Blackwood, Gwent auf. Dort gingen sie gemeinsam zur Schule, hörten THE CLASH oder ECHO & THE BUNNYMEN und lasen Burroughs und Nietzsche. Mit 15 fing Nicky (wirklicher Nachname Jones) an, zornige Texte zu schreiben, zu einer Zeit, als man in Blackwood alle Minen dicht machte, und die Stadt einen rasanten wirtschaftlichen Abstieg erlebte. Die wohl schwärzeste Phase in der gesamten Laufbahn der Band war mit Sicherheit das mysteriöse Verschwinden von Richey Anfang 1995, nachdem er noch ein halbes Jahr zuvor wegen eines Nervenzusammenbruchs einige Wochen in einer psychiatrischen Anstalt verbrachte. Bis heute wurde er nicht gefunden, und die aktive Suche nach ihm ist seit langem eingestellt. Ende des Jahres kehrten die MANICS als Trio zurück und spielten als Support der STONE ROSES in der Wembley Arena. Bedeutungsschwanger wie eh und jeh, jedoch die Punk-Ära weit hinter sich lassend, folgte die Veröffentlichung ihres vierten und gleichzeitig ersten Albums ohne Richey. 'Everything Must Go' (1996) brachte neben 'A Design For Life' weitere drei Top Ten Hits hervor. Auf dem gleichnamigen Theaterstück von Nicks Bruder Patrick basierend, steht eine Verfilmung des Materials schon seit längerem im Raum. Dabei schauspielerisch tätig zu werden liegt James jedoch fern: 'So viele Musiker haben dadurch komplette Idioten aus sich gemacht. Schau dir nur David Bowie oder Sting an. Wenn wir in einem Film mitspielen sollten, dann wären wir nur irgendwelche Penner am Straßenrand, die sich warmtrinken.' Auch ohne Film erhielt die Platte 1997 bei den Brit-Awards die Auszeichnung zum besten Album und die MANIC STREET PREACHRS den Preis als beste Band. Musikalisch am Busen des Mainstream hängend veröffentlichte das Rocktrio 1998 'This Is My Truth, Tell Me Yours', eine inhaltlich politisch geladene CD in massenkompatiblem Soundgewand. Anhänger der ersten Stunde fühlten sich verraten und stellten die Glaubwürdigkeit ihrer einstigen Helden in Frage. Trotz dem erneuten Erfolg in beiden vorher erwähnten Kategorien bei den Brit-Awards macht die Band mit dem Titel ihrer neuen Platte 'Know Your Enemy' ein unmissverständliches Eingeständnis. 'Zum Ende des letzten Albums haben wir realisiert, dass wir unsere eigenen Feinde sind. Es hat etwas damit zu tun, dass man sich selber verfehlt. Wir dachten, wir nehmen die Lieder auf die Platte, die uns den Erfolg bringen', erklärt Frontmann James. Das vorangegangenen Werk hinter sich gelassen, entstand mit 'Know Your Enemy' ein mosaikartiges Soundgerüst, das in 16 Songs den unglaublich weiten Stilreichtum der Drei-Mann-Baustelle repräsentiert. So bringen sie in Groß Britannien gleich zwei Singles gleichzeitig raus. 'So Why So Sad' (reguläre Veröffentlichung), ein Lied, das das Bügelbrett einer jeden Hausfrau mitschunkeln lässt, und 'Found That Soul', dessen verzerrte Gitarre zur 200 Volt-Explosion aller Heißwickler führt, spiegeln das enorme Spektrum einer großartigen Platte wieder. Doch wie gesagt, die Doppelauskopplung gibt es nur bei den Inselbewohnern, denn auch als Straßenprediger darf man sich nicht alles erlauben, wie James Dean Bradfield zu berichten weiß: ''Sony' wollte die Veröffentlichung beider Songs weltweit nicht finanzieren. Wir sind nicht Mariah Carey. Wir verkaufen 2 Mio. Exemplare und sie ungefähr drei mal so viel.' Wir wollen aber bei der Musik bleiben und bitteschön nicht weiterhin über personifizierte Trillerpfeifen philosophieren. Auf 'Know Your Enemy' folgt eine Überraschung der anderen. So löste James zum ersten mal Kollegen Nicky Wire ab und schrieb einen Text. 'Ocean Spray', eine wunderschöne, herzzerreißende Ballade im Gedenken an seine 1999 verstorbene Mutter (sie litt an Krebs). 'In den Krankenhäusern in GB sagen sie, dass man viel Preiselbeersaft trinken soll, weil er Infektionen vermeiden würde. Ich war jeden Tag bei ihr, und sie meinte immer: 'Geh und kaufe eine Flasche Preiselbeersaft von Ocean Spray.' Sie wusste, dass sie bald sterben würde. Ihr Optimismus war unglaublich inspirierend', erzählt James, der eine Marlboro Light nach der anderen raucht. Ganz nach alter STOOGES-Manier verhält es sich mit 'Wattsville Blues'. Einmal die Rollen getauscht, darf Nicky sein Gesangsdebüt hinlegen und klingt wie ein junger Mark E. Smith (THE FALL). Die fertige musikalische Umsetzung des fröhlichen Debütantinnenballs wurde im Karl-Marx-Theater gefeiert. 'Keine Zugaben, keine Werbung und keine Fanclubs ...', ein Versprechen, das die MANICS zu Beginn ihrer Karriere gegeben haben, doch mit ihrem Auftritt in Kubas Hauptstadt kam alles ganz anders und zweitens als man denkt. Dort nämlich spielten sie am 17. Februar vor 5.000 Menschen, die einen nur symbolischen Eintrittspreis von 25 Cent bezahlten und gaben zum ersten mal eine Zugabe. Als erste westliche Band durften sie im kommunistischen Kuba auftreten und trafen Staatsoberhaupt Fidel Castro Ruz, ihren ganz persönlichen Popstar. 'Wir haben Fidel zwei mal für zehn Minuten gesehen. Man denkt, er wäre ein bornierter, ernster, alter Tyrann, aber er ist eher wie ein cooler Professor mit sehr trockenem Humor', erinnert sich James und wusste sehr viel über das Ereignis zu berichten. 'Ich war sehr von ihm beeindruckt. Ich habe ihn gefragt, wie er das laute Konzert durchstehen will. Er meinte: 'Ihr könnt nie lauter werden als der Krieg.'. Am nächsten Tag sagte er: 'Oh mein Gott, ihr wart noch viel lauter!'' Im April sind die Drei genauso laut für zwei Shows in Deutschland unterwegs. Traurig aber wahr könnten das die letzten beiden Gelegenheiten werden, diese Ausnahmeband live zu bewundern. 'Die nächste Platte wird ein 'Greatest Hits'-Album. Ich denke, wir wollen danach noch eine weitere Platte machen und dann ernsthaft darüber nachdenken, aufzuhören. Eine Band wie uns kann es nicht ewig geben. Wir haben in den 80ern als Teenager in Wales angefangen, und viele Leute verstehen noch nicht wirklich welchen Background wir haben', erklärt Bradfield und lässt uns mit einer Träne im Auge auf einen unvergesslichen Abend hoffen.
(Ines)


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