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ROLLINS BAND
NETT?!


Muss man Henry Rollins noch vorstellen? Wahrscheinlich nicht - der Mann mit dem Stiernacken und der Sonne auf dem Rücken ist seit Anfang der 80er in der Musikszene präsent, ob mit BLACK FLAG oder der ROLLINS BAND, ob in PunkRock-Läden, auf Spoken Word-Bühnen oder auf großen Festivals, ob mit neuer Platte oder neuem Buch.
Diesmal ist es eine neue Scheibe seiner ROLLINS BAND, die ihn von einem Interviewtermin zum nächsten hetzen lässt. 'Nice' heißt das Teil, und das ist natürlich ein Witz. Nett, das sagt man über Platten die eben so lala sind, nicht wirklich schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Davon kann hier keine Rede sein. Nachdem Henry seine alte Band komplett gefeuert hatte, um fortan mit den Jungs von MOTHER SUPERIOR zu rocken, ist 'Nice' die volle Breitseite geworden. Gut, als Fan der 'alten' ROLLINS BAND musste ich erstmal tief schlucken, denn vom JazzCore der Übermusiker der ursprünglichen Formation ist nichts geblieben. Die 'neue' ROLLINS BAND ist anders, das muss man hinnehmen als vom Chef persönlich so gewollt, aber sie ist gut: feiste Blues-Soli, Hintergrundsängerinnen, und über allem die charakteristische Stimme des Hantelkönigs, frisch wie schon lange nicht mehr. Die Platte ist also gut. Mehr Infos zum Album bekomme ich auch gar nicht, denn nach 40 Minuten entlässt mich der Mann um viele Lebensweisheiten klüger ... Aber von vorn: Der Meister sitzt in einem teuren Hotel am Berliner Kurfürstendamm und trinkt Unmengen Kaffee aus einer großen Tasse (nicht umsonst heißt eines seiner Bücher 'Black Coffee Blues'). Nicht ganz passend zur Umgebung trägt er Jeans, durchgelatschte Laufschuhe und ein völlig zerfetztes T-Hemd, dessen Zeit vermutlich schon vor ein paar Dekaden abgelaufen ist. Kokettierende Untertreibung oder einfach nur Bequemlichkeit? Wahrscheinlich beides. Unter dem Hemd lugen seine zahlreichen Tätowierungen auf den muskelbepackten Armen hervor, die aus der Nähe betrachtet teilweise einen erschreckenden Mangel an Geschmack bezeugen. Die Frisur ist wie immer praktisch kurz, nur die immer größer werdenden silbergrauen Stellen machen scheinbar deutlich, dass auch PunkRock nicht ewig jung hält. Rollins ist im Februar 40 Jahre alt geworden. Wie ist es, als Punkrocker älter zu werden, wo doch gerade das Musikgeschäft die ewige Jugend als erstrebenswertes Ziel proklamiert? 'Als Erwachsener kommt man oft in die selben Situtationen wie als Jugendlicher - Gruppendruck zwingt einen, Dinge zu tun, die man eigenlich nicht machen will. Ich glaube, die Mid-Life Crisis ist ein Ausdruck davon. Man wird wieder unsicher. 'Ich bin 40, wer oder was soll ich sein?' Ich habe ein Alter erreicht, in dem man weiß, was man mag und was man nicht mag. Aber ich habe festgestellt, dass ich anders bin als die meisten Leute meines Alters. Ich will mich nicht niederlassen, ich will keine Kinder - obwohl ich Kinder mag - ich will keine Ehefrau ... ich freue mich immer für andere Leute, wenn sie heiraten, aber ich kann mich nicht selbst als Bräutigam sehen.' Nach langen Ausführungen über den Verfall der westlichen Gesellschaft im allgemeinen und der in den USA im besonderen stellt er fest, dass er mit zunehmendem Alter immer wütender werde. Ich werfe ein, dass dies oft umgekehrt der Fall ist - viele Leute werden ruhiger und zahmer. 'Absolut. Die Leute werden bequem. Persönlich lebe ich auch viel bequemer als früher. Während der ganzen 80er Jahre lebte ich in ziemlicher Armut. Am Ende jedes Monats fragten wir uns, wie wir die Miete bezahlen sollten. Heutzutage muss ich nicht mehr Kumpels anrufen und sie bitten, mir Geld zu leihen. Ich besitze mein eigenes Haus. Aber ich kontrolliere mich selbst sehr genau, damit ich nicht zu bequem werde. Wie mache ich das? Indem ich immer wieder feststelle, dass das Leben wütend und intensiv ist, dies als Tatsache in Kauf nehme und mich davon leiten lasse. Manchmal muss ich mich zwingen, denn ich habe die Wahl, es mir bequem zu machen. Das ist der Grund, weshalb die meisten Bands ihre besten Sachen machen, wenn sie jung sind. Weil sie keine Wahl haben. Ihnen bleibt nur die Musik. Wenn ich nur noch Erster Klasse fliegen und ein paar Kilo zulegen würde, ich wette, meine Musik würde schlechter werden.' Auf der anderen Seite ist Henrys Verehrung für die alten Herren des Rocks bekannt. Wie passt das zusammen? 'Tja, sie alle lieben Rock'N'Roll. Ich habe all diese alten Säcke getroffen, Gene Simmons von KISS, Ozzy von BLACK SABBATH, AC/DC, Bill Gibbins von ZZ TOP. Ozzy Osborne ist ungefähr so reich wie man reich sein kann. Aber der Kerl ist ein Irrer. Verrückt nach Musik. Das bringt dich dazu, zu checken wie stark DU an Musik interessiert bist. Nimm Mick Jagger. Braucht der das Geld? Mit Sicherheit nicht. Wird er dieses Jahr irgendwo auf Tour sein? Höchstwahrscheinlich. Die Typen lieben, was sie tun. Wenn du Multimillionär bist, interessiert dich nicht, wie Geld du machst. Die haben schon die schnellsten Autos, die größten Häuser und zehn der appetittlichsten Schnitten in Käfigen auf ihrem Anwesen. Wenn du soweit bist, wirst du entweder fett und bequem, oder wie Ozzy: Fahr den Bus vor und lass uns los! Die wollen das machen, TROTZ des Geldes. Die Typen von KISS sind alle über 50 und trotzdem besser als alle LIMP BIZKITs dieser Welt. Sie bewegen sich mehr, sie schwitzen mehr, sie sind mehr dabei. So wie wir. Gut, sie spielen die selben 30 Lieder jeden Abend, aber was für einen Spaß sie dabei haben! Sie lieben es, und das Publikum liebt sie dafür, dass sie es lieben. So möchte ich auch enden ...' Am Ende weiß ich eines: Rock'N'Roll hilft zwar nicht gegen graue Haare, hält aber ansonsten jung und wütend, wenn man aufpasst. Und das soll ja auch so sein. In zehn Jahren werde ich selbst 40. Ich hoffe, ich bin dann auch noch so wach und unbequem wie Henry Rollins. (Hans)


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