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PHILLIP BOA & THE VOODOOCLUB
ZEIT FÜR REBELLION


Phillip Boa lebt in seinem eigenen Kosmos. Das Wildpark-Magazin nannte ihn den 'Ruhrpottindieheld'. Eine Kombination von zwei Begriffen, die er beide nicht gerne hört. Weder möchte er Indieheld sein, noch aus dem Ruhrpott kommen. Phillip Boa will mehr.
'Ich drücke Zeitgefühle aus', sagt Boa. 'Ich bin sehr stolz darauf, dass meine Platten von 1985 noch immer verkauft werden. Das ist wohl der größte Beweis dafür, dass ich etwas geschaffen habe. Als Boa-Fan würde ich bei Konzerten auch die alten Stücke hören wollen. Ich war vor kurzem bei SISTERS OF MERCY. Die haben nicht die alten Hits wie 'Tempel Of Love' gespielt, sondern nur irgendwelche obskuren B-Seiten und Sachen, die ich noch nie gehört habe.' PHILLIP BOA & THE VOODOOCLUB-Konzerte liefen lange Zeit ähnlich ab. Mitte der 90er hatte Boa eine Phase, in der er gar keine Hits gespielt hat. Mittlerweile ist er weiser geworden und denkt viel über sein Publikum nach. 'Das Leben verläuft in Phasen. Man hat eine neue Freundin, ein neues Umfeld, hat einen anderen Job oder ihn gerade verloren. Man sieht die Welt plötzlich ganz anders. Dass der Chef doch nur Phrasen drosch, und keine einzige davon ernst gemeint hat. Sie sollten nur dazu dienen, dass du dich unterordnest, damit du dem Profitgedanken dienst. Wenn du dort draußen bist, betrachtest du das alles ganz anders. Dein Leben verläuft in unterschiedlichen Bahnen und du siehst auch die Kunst ganz anders.'
Dieses Umdenken charakterisiert den 'neuen' Boa und tritt auch auf seinem neuen Album 'The Red' uneingeschränkt zu Tage. 'Red' ist ein egoistischer Befreiungsschlag gegen Bevormundung, eine Warnung, Achtung: Ab jetzt befinden sie sich im roten Bereich, jetzt wird es gefährlich. Zu viele Leute haben Phillip Boa mit seinem VOODOOCLUB in die 80er Jahre-IndiePop-Schublade gedrängt. Das hat ihn verärgert, zum Handeln bewogen und dazu veranlasst, mit 'The Red' bewusst anecken zu wollen. 'Den Song 'Narcissus' durchziehen so viele Störgeräusche, dass es schon nicht mehr schön ist, und dieses Verquersein macht mir großen Spaß. Ich wollte nicht mehr 'angestrengt gut sein', das hat mich bei den Aufnahmen nicht mehr interessiert. Das 'normale' Leben wurde wieder spannender. Ich beobachte mehr und versuche, viele Reize, viele Schlüsselreize, aufzunehmen. Oder Inspiration und Eindrücke zu sammeln und sie in meinem Unterbewusstsein abzulegen', analysiert Boa. Plötzlich scheint sein ganzer Müllschlucker explodiert zu sein. Die SEX PISTOLS, NOTWIST und SCHNEIDER TM hat er ausgespien. Diese explosive Mischung hat ihn zu einem provokant-treffenden Album inspiriert. ''Speed' beschäftigt sich mit dem Alltag, mit den üblichen 24 Stunden, in denen die Menschen nur noch neben sich stehen und gehetzt wirken. Sie realisieren nicht mehr das, was um sie herum passiert, sondern nur noch, dass ihr Leben zu schnell verstreicht.' Deshalb sollte man genießen, sich nicht in eine Ecke verkriechen und über die schlechte Welt schimpfen, sondern die guten Seiten entdecken. Er selbst befindet sich tagtäglich in einem Zwiespalt von Angewidert und Begeistert sein. 'Ich lese am liebsten Autoren wie Anthony Burgess und Thomas Mann. Der eine war sehr gesellschaftskritisch, der andere sehr bürgerlich. Aber wenn ich 'Big Brother' oder 'Big Diet' sehe, bin ich schon erstaunt, mit was die Leute sich heute zufrieden geben. Aber damit erzähle ich nichts Neues, das ist bekannt.' Seinen großen Hit 'Container Love' würde er aber ganz bestimmt nicht als Titelmelodie für die nächste Staffel hergeben, denn dazu müsste er zunächst einmal mit sich selbst ins Reine kommen: 'Zu dem Stück fehlt mir der Abstand', sagt Boa. 'Und ich spiele das Lied auch nicht mehr live. Es war eine nette Geschichte, den Mann gab es wirklich. In England war es mein Durchbruch und in Deutschland für Viele mein erster kommerzieller Verrat. Ich finde, das Lied hat immer noch etwas Merkwürdiges. Deshalb möchte ich es nicht mehr live spielen.' Viele seiner Stücke scheinen für Phillip Boa wie eine Therapie zu sein. Er hat die Gabe, all seine ganz persönlichen Probleme in Liedern zu verarbeiten. Lange Zeit sah er sich nur als Dirigent seiner Ego-Band, aber mittlerweile ist er wieder hinab gestiegen, um nicht nur die Musik, sondern auch das Bild seiner Gruppe zu prägen. Oft unterhielt man sich besser mit den Musikern des VOODOOCLUB als mit dem Meister selbst, weil er so unnahbar erschien. Ihn umgab immer eine Art Schutzhülle. 'Ja, eine lange Zeit war ich sehr arrogant, aber ich denke, dass das jetzt vorbei ist. Man wird zunehmend weiser und fängt an, mehr nachzudenken.' Und während er das sagt, muss er über sich selbst zu schmunzeln.
(vogel)


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