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NEUROSIS
UNSTERBLICH


NEUROSIS haben sich seit Mitte der 80er einen Namen für extreme, eigenständige Musik gemacht, die weit über das hinausgeht, was man mit NoiseCore sowieso nur sehr unzureichend beschreiben kann. In Wahrheit haben die Kalifornier ihr eigenes Genre geschaffen, das sie beständig ausbauen und weiter verfeinern.
Die Band um die beiden Sänger/Gitarristen Steve von Till und Scott Kelly hat sich dabei in den vergangenen Jahren etwas von den alles zermahlenden Zerstörungsorgien der Anfangszeit verabschiedet. Der aktuelle Langspieler 'A Sun That Never Sets', wie schon 'Times Of Grace' (1999) und die zwischengeschobene EP 'Sovereign' (2000) beim Destruktoverlag 'Relapse' aufgelegt, ist merklich ruhiger und weit weniger aggressiv als das Meisterwerk 'Through Silver In Blood' (1996) oder gar noch älteres Material. Wo ist sie hin, die Aggression? 'Wir haben gelernt, das Feuer, das in uns brennt, besser zu kontrollieren', erklärt Steve von Till. 'Es ist immer da, es fordert uns immerzu. Es ist eine Herausforderung, dem nicht nachzugeben und es auf Distanz zu halten. Dadurch, dass wir Gegensätze schaffen, entsteht ein emotional stärkeres Album. Es ist immer noch anstrengend, diese Musik zu spielen. Die mitreißendste Musik, egal ob Rock oder Klassik, hat immer eine emotionale Bewegung, etwas Dramatisches. Wir haben auch schon früher mit dieser Kontrastierung gearbeitet, aber auf dieser Platte haben wir nach den Zwischentönen gesucht, nach all den Dingen zwischen den Extremen. Wir haben uns also darauf konzentriert, weniger Verzerrung und weniger Dissonanzen zu benutzen, um dieselben Gefühle auszudrücken. Ich finde, das ist eine erwachsenere Art und Weise, sich auszudrücken. Wir sind immer noch wütend, aber wir drücken unsere Wut in feineren Nuancen aus.' Ich persönlich bin ja ein großer Fan von der unbarmherzigen Vernichtung, die NEUROSIS früher quasi als die leibhaftigen Apokalyptischen Reiter verbreiteten. Deshalb ist die Abkehr zu weniger aggressivem Material (ich vermeide absichtlich das Wort 'weich', denn das trifft es nicht) für mich ein Verlust, auch wenn Steve das natürlich überhaupt nicht so sieht. Und zugegeben, die Wut ist wirklich noch da, wenn auch verpackt in Melodien, die so bei NEUROSIS noch nicht zu finden waren. 'Definitiv. Die Melodien machen einen großen Teil des neuen Materials aus. Das schließt besonders den Gesang ein. Wir mussten ganz anders damit arbeiten. Ich glaube, es war ein Vorteil, dass Scott und ich unsere eigene Soloprojekte betrieben hatten, das gab uns zusätzliches Selbstvertrauen in unsere Fähigkeiten als Sänger. Es ist das Resultat einer langen Entwicklung. Wir haben uns nicht hingesetzt und geübt, das kam einfach so.' Wie kam es denn zu deiner ersten eigenen Platte, 'As The Crow Flies'? 'Ich hatte ein paar Jahre einfach immer wieder Lieder aufgenommen, und nach einer Weile stellte ich fest, wie unheimlich viel Material das war. Nichts davon war für NEUROSIS verwendbar, also packte ich ein Album damit voll. Ich war ziemlich nervös, aber es war sehr befreiend. Es gab mir mehr Vertrauen in meine Stimme. Ich arbeite bereits an meiner zweiten Platte. Manche Leute mögen das Material mehr als NEUROSIS, solche, die mit der Brutalität von NEUROSIS nichts anfangen können. Aber sie verstehen und akzeptieren die Ideen und Gefühle, wenn sie in einer anderen Art verarbeitet werden.' In der Tat ist 'As The Crow Flies' die Umsetzung von NEUROSIS mit anderen Mitteln, sehr spartanisch instrumentiert und durch und durch gelungen. Aber zurück zu NEUROSIS. Was hat es mit dem bildhaften Titel 'A Sun That Never Sets' auf sich?
'Jede Zelle in uns hat eine Verbindung zu unseren Vorfahren. Auch wenn wir uns als Individuen sehen, so sind wir doch nichts weiter als ein Ort, an dem die Flüsse unserer Väter und Mütter sich vereinigen. Dadurch verkörpern wir den Geist unserer Eltern, unserer Großeltern, usw. Dieser Fluss geht zurück bis zum Ursprung der Menschheit. Jeder Mensch hat eine direkte Verbindung in die Vergangenheit. Die Willenskraft, die Fähigkeiten, das Glück, all das, was es bedurfte, dass unsere Vorfahren überlebten und den Fluss nicht zum Versiegen brachten, das ist einfach überwältigend. Daher glaube ich, dass nicht nur biologische Dinge vererbt werden, sondern auch ein Geist, ein Karma. Das gibt dir Kraft und Inspiration, aber verlangt auch von dir, dein Leben nicht als selbstverständlich anzusehen. Jeder sollte ein produktives, inspiriertes Leben führen, ein gutes Leben. Ein paar von uns in der Band haben Kinder, und wir sehen wie das Leben weitergeht. Das schafft eine Art Unsterblichkeit. Der Geist einer Familie, der Geist der Menschheit ist unsterblich, solange es so weitergeht. Es ist wie ein Kreis, eine unlimitierte Quelle der Inspiration, die uns vorwärts treibt, und sie wird stärker und stärker. Wir sind uns sicher, dass das Konzept der Band noch existieren und weiterleben wird, wenn wir alle längst tot sind. Die Ideen, die wir jetzt haben, werden Jahre brauchen, um umgesetzt zu werden.' Ganz zu schweigen davon, dass schon die Platten der Band unsterblich sind. Wenn NEUROSIS wieder auf Konzertreise kommen, wird es neben dem neuen Drang zur Melodie auch eine andere Neuheit geben: Pete Inc., lange Jahre zuständig für die optische Komponente des Konzepts NEUROSIS, ist nicht mehr dabei. 'Er musste sich anderen Dingen zuwenden. Josh Graham, unser neuer Mann für das Visuelle, hat völlig von vorne angefangen und uns einen neuen Look verpasst, der sehr gut mit unserem neuen Material harmoniert. Wir arbeiten auch an einer DVD zu diesem Album. Es wird kein normales Video sein, mehr wie Kunstfilm, der eine emotionale Landschaft erschafft, in der man die Musik genießen kann. Die Platte wird effektiv die Filmmusik dazu sein.' Während ich noch die alten Zeiten von NEUROSIS genieße, stehen in San Francisco die Zeichen bereits auf Angriff ... (Hans)


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